Teil eines Werkes 
2. Abtheilung, Kaiser Joseph und Marie Antoinette : 2. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

156

auf dem Haupt, den Roſenkranz an dem blauen Gürtel hängend, aus dieſem großen, finſtern Gebäude hinaus, das ſie ſeit einem Jahrhun⸗ dert inne gehabt. Jeder von ihnen trug eine Bibel oder ein Er⸗ bauungsbuch unter dem Arm, Aller Geſichter waren traurig und bleich, Aller Lippen feſt aufeinander gepreßt, als wollten ſie das Wort des Unmuths, oder den Seufzer des Schmerzes zurückhalten. Nur ihre finſterblitzenden Augen indeß ſprachen zu der Menge, und ſchienen un⸗ ter dieſen Hunderten nach einem befreundeten Geſicht, einem theilneh⸗ menden Auge zu ſuchen. Aber das Volk ſchaute in dumpfer Be⸗ ſtürzung dieſem ſeltſamen, aus lebendigen Leichen beſtehenden Leichen⸗ zug zu, und nur hier und da ſah man ein altes Mütterchen weinend ihre Hände falten, eine reichgeputzte Dame an einem der Fenſter der Häuſer, an welchen der Zug vorüberkam, ihr Taſchentnuch auf ihre Augen drücken.

Kein Ruf, kein Gruß, aber auch keine Verwünſchung und kein Hohn ertönte aus dieſer Menge, die überall ſchweigend ſich aufthat, und dieſen feierlichen, ſchwarzen Zug, der ſich langſam in ihrer Mitte fortſchlängelte, hindurch ließ.

So unter athemloſer Stille, umwogt von dem Volk, bewegte ſich der Zug weiter durch die Straßen dahin bis zu dem Kohlmarkt. In der Mitte deſſelben hielt der Rector an, und in einem weiten Kreis ſammelten ſich um ihn die Ordensbrüder.

Jetzt entblößte der Rector ſein Haupt, die Jeſuiten folgten ſeinem Beiſpiel; ſie neigten ihr Haupt zum Gebet; und das Volk, hingeriſſen von dem feierlichen, tiefernſten Anblick, plötzlich von wunderbarem, groß⸗ müthigen Mitleid ergriffen für dieſe Ausgeſtoßenen, Vertriebenen, die von dieſer Stunde an keinen Namen, keinen Stand und keinen Beruf mehr haben und auf ewig von der Welt verſchwinden ſollten, das Volk ſchaute jetzt mit Thränen auf dieſe ſchwarzen Geſtalten, die miit geſenk⸗ ten Häuptern da ſtanden, und in einem letzten Gebet Abſchied nahmen von ihrer großen Vergangenheit und ihren großen Erinnerungen; das Volk ſank auf ſeine Kniee nieder, um zum letzten Male mit den from⸗ men Vätern die Gebete zu beten, welche ſie ihm gelehrt!

Es war ein letzter Triumph, eine letzte Schauſtellung, welche die klugen Väter ſich bereitet hatten. Jetzt war das Gebet beendet, und