138 XV. „Dominus ac Redemptor noster.“
Getreu den mit dem Fürſten Kaunitz getroffenen Verabredungen hatte der Kaiſer, ſobald der Fürſt ſich entfernt, ſich in die Gemächer der Kaiſerin begeben, und von dieſer eine Audienz verlangt; denn Jo⸗ ſeph genoß nicht des Vorrechts, deſſen ſich Fürſt Kaunitz erfreute, er durfte nicht wie dieſer in das Zimmer der Kaiſerin treten, nachdem nur vorher der Kammerhuſar ſeinen Namen laut verkündet hatte, ſon⸗ denn er mußte erſt jedesmal in aller Form durch den Kammerherrn du jour bei Ihro Majeſtät um eine Audienz nachſuchen laſſen, und ge⸗ duldig ſo lange im Vorzimmer warten, bis dieſer ihm die ablehnende oder gewährende Antwort der Kaiſerin brachte.
Maria Thereſia hatte indeß heute ihrem Sohn die nachgeſuchte Audienz ſofort bewilligt, und ihn in ihr Cabinet eintreten laſſen. Jo⸗ ſeph aber, um den Zweck ſeines Kommens ſofort zu erklären, hatte ſich beeilt der Kaiſerin das Schreiben des Königs von Spanien zu über⸗ reichen und ſie im Namen des Königs zu erſuchen, daſſelbe in ſeinem Beiſein zu leſen.
Die Kaiſerin, verwundert über dieſe Dringlichkeit, hatte eingewil⸗ ligt, und las jetzt, in dem Fauteuil vor ihrem Schreibtiſch ſitzend, den Brief ihres königlichen Verwandten, während der Kaiſer ſich in eine Fenſterniſche zurückgezogen hatte, und die Arme in einander geſchlagen, mit ſinnenden, tiefernſten Blicken zu der Kaiſerin hinüber ſchaute und den Eindruck beobachtete, den der Brief auf ſie machte.
Er ſah, wie das Antlitz der Kaiſerin allmälig zu erglühen be⸗ gann, wie ihre Stirn ſich in finſtere drohende Falten legte, wie ihr Buſen ſtürmiſch auf und abwogte, und das Papier in ihren Händen zu zittern begann.
Das ſind die Seemöwen, welche den nahen Sturm verkünden, ſagte der Kaiſer zu ſich ſelber. Ich werde mich hüten müſſen, nicht von einer aufſchäumenden Woge des Zorns wie ein leckes Schiff in den Grund gebohrt zu werden.
Maria Thereſia, als habe ſie die Gedanken des Kaiſers errathen,
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