142
die beiden„verirrten Wandrer“ ein. Hier ſchrieb der König ſogleich auf einem Blatt ſeiner Brieftaſche, welche durch einen glücklichen Zu⸗ fall den plündernden Händen der Verſchwornen entgangen war, einige Worte an den General Cocceji und forderte ihn auf, ihn mit einem Wagen von der Mühle abzuholen. Eine Magd aus der Mühle ent⸗ ſchloß ſich nach vielem Flehen und Bitten, den Brief nach Warſchau zu tragen und ihn in die Hände des Generals zu bringen.— Du kannſt Dir denken, welch ein Jammer indeß unter der ganzen Bevöl⸗ kerung und beſonders am Hofe herrſchte. Jedermann glaubte natür⸗ lich den König ermordet, man hatte auf der Straße ſeinen durchſchoſ⸗ ſenen Mantel, und weiter hin vor dem Thor ſeinen mit Blut beſchmutz⸗ ten Federhut und ſeine Schuhe gefunden. Jammern und Wehklagen war in jedem Hauſe, und nun auf einmal der Jubel, das Entzücken, als die Nachricht ſich verbreitete: der König lebt! Der König iſt ge⸗ rettet!— General Cocceji, begleitet von allen Herren des Hofes, eilte ſofort hin nach der Mühle von Mariemont. Vor der elenden Hütte hielt Koſinski mit gezücktem Schwert die Wache, aber er ließ Cocceji ſofort eintreten. Und welch ein Anblick bot ſich ihm jetzt dar! Auf der bloßen Erde dieſes Hüttenflurs lag der König, bedeckt mit dem Rock des Müllers, in tiefen Schlaf geſunken. Sofort warf ſich Cocceji auf die Kniee, um ihm die Hände zu küſſen und ihn ſeinen Herrn und ſeinen König zu nennen. Die Müllersleute, welche bis dahin gar nichts geahnt von dem hohen Rang ihres Gaſtes, ſtürzten auch nieder auf ihre Kniee und baten um Gnade und Vergebung, die der König ihnt lächelnd zuſagte, und dann mit Cocceji nach Warſchau zurückkehrte.— Da, meine Liebe, haſt Du die romantiſche Geſchichte von dem Mord⸗ verſuch auf das Leben des guten und ſchönen Königs von Polen.*) Es iſt eine traurige und ſeltſame Geſchichte, ſagte Anna düſter. Wie ſchuldig der König anch iſt, ſo wäre es doch ein Fleck auf der reinen Stirn Polens, wenn ſein König von Mördern, die zu ſeinen Unterthanen gehörten, gefallen wäre. Ah, meine Liebe, dieſe Herren halten ſich nicht mehr für die Un⸗ terthanen des Königs, denn Du weißt ja, die Conföderirten haben die folie begangen, den König für abgeſetzt zu erklären.
) Wr vol. II. p. 76.
*) Wraxall Memoirs ete.


