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Kannitz heftete indeſſen ſeine Blicke mit einem kalten und prüfenden Ausdruck auf die Blumen hin, und ließ die Enden der daran befeſtigten Schleife durch ſeine langen weißen Finger gleiten.
Die Dame, welche Ew. Majeſtät dies Bouquet zugeworfen, iſt eine Polin geweſen, ſagte er dann kurz und beſtimmt.
Eine Polin? rief der Kaiſer. Und weshalb vermuthen Ew. Durch⸗ laucht das?
Es iſt gewiß nicht ohne Abſicht geſchehen, daß dieſes Bouquet nur aus weißen und rothen Blumen beſteht, ſagte Kaunitz, und nicht ohne Abſicht hat man an demſelben eine Schleife von roth und weißem Band befeſtigt. Weiß und roth, das ſind die Nationalfarben der ſogenannten polniſchen Republik!
Sie haben Recht, rief der Kaiſer lebhaft, es ſind die Farben Po⸗ lens, und die Dame war ohne Zweifel eine Polin, ſie war ſchwarz ge⸗ kleidet, denn gewiß trauert jede edle Polin jetzt um ihr unglückliches, von ſo vielen Wunden zerriſſenes Vaterland!
Sehen Sie da, rief Kaunitz, der indeſſen das Bouquet noch immer forſchend und prüfend in ſeinen Händen gedreht hatte. Unter dieſer Schleife befindet ſich ein Papier! Darf ich es hervorziehen, Majeſtät?
Thun Sie'’s! Ich habe Ihnen einmal die Blumen zur Unterſuchung übergeben, und ich darf Ihnen kein Beweisſtück entziehen!
Kaunitz neigte leiſe, wie zum Dank, ſein Haupt, und begann dann das um die Stengel der Blumen geheftete Band aufzulöſen. Der Kaiſer und die beiden Cavaliere ſchauten ihm mit Blicken lebhafter Theilnahme zu.
Jetzt zog Kaunitz unter dem geöffneten Bande einen zuſammenge⸗ falteten Streifen Papier hervor, und reichte ihn mit ſeiner gewohnten kalten Ruhe dem Kaiſer dar.
Haben Ew. Majeſtät die Gnade Selbſt zu leſen, ſagte er, denn ohne Zweifel iſt es ein Liebesgedicht, und meine profanen Augen ſind nicht werth, es zu leſen!
Ueber des Kaiſers Antlitz zuckte es wie ein ſchmerzlicher Seufzer. Ich bin ein armer, einſamer Mann, ſagte er, und habe leider gar keine Liebesgedichte zu empfangen! Leſen Sie alſo immerhin, Durchlaucht, aber leſen Sie laut, denn Sie begreifen, daß wir neugierig ſind!
Kaiſer Joſeph. 2. Abth. I. 2
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