Teil eines Werkes 
1. Abtheilung, Kaiser Joseph und Maria Theresia : 3. Band (1857)
Entstehung
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ein angſtvolles, qualvolles Stöhnen kam aus ſeiner Bruſt hervor. Es war ihm immer noch, als habe er ein Geſpenſt geſehen, als habe er das grauenvolle Antlitz des Todes ſelber erſchaut. Das war nicht ſeine Kaiſerin, nicht die ſchöne, majeſtätiſche, ſtrahlende Maria Thereſia geweſen; der Tod, den er ſo ſehr haßte, den er ſo ſehr fürchtete, deſſen Erwäh⸗ nung er mit ängſtlicher Scheu vermied, der Tod hatte ſich die Geſtalt der Kaiſerin erborgt, und hatte ihn geäfft mit ſeinem eigenen Angeſicht. Es war eine Viſion geweſen, keine Wirklichkeit. Denn war es wohl möglich, daß eine Krankheit ſo furchtbar ein Antlitz zu entſtellen vermochte, konnte es denn ſein, daß die reine, ſtrahlende Schönheit der Kaiſerin ſo plötzlich ſich in eine ſchreckenerregende, grauenvolle Häßlichkeit ver⸗ wandeln könnte? Dieſes bleiche, zerfetzte, verzerrte Antlitz, gehörte das derſelben Maria Thereſia, die er einſt mit ſtrahlender Purpurröthe, mit flammenden Augen, mit lächelnden Lippen, mit weithin wallenden Locken auf dem ſchäumenden Rappen den Schloßberg in Peſth hatte hinaufſprengen ſehen, das Schwert des heiligen Stephan, welches in der Sonne blitzte, hoch in ihrer Rechten ſchwingend?*) War es, konnte es ſein, daß ein holdes Götterantlitz ſich zu einer Fratze verzerrte?

Der Fürſt empfand zugleich ein unheimliches Grauen und einen tiefen Schmerz, und was ihm ſeit manchem langen Jahr, was ihm ſeit dem Tode ſeiner Mutter nicht geſchehen, das geſchah ihm jetzt, Fürſt Kaunitz weinte!

Aber allmälig ward er dieſer unnatürlichen Aufregung Herr, all⸗ mälig trockneten die Thränen, und konnten den ungewohnten Weg zu ſeinen Augen nicht mehr finden, allmälig nahm das Antlitz des Fürſten wieder ſeine ſonſtige kalte Marmorruhe an, richtete er ſich wieder ſtolz und feſt empor. Unbeweglich, ſteif aufrecht ſaß er in ſeinem Lehnſtuhl da, mit ſeinen großen kalten blauen Augen in das Leere ſchauend. So ſaß er eine lange Zeit; dann hob dieſe Statue langſam den Arm, dann richtete dieſer kalte Blick mit ſeiner gewohnten Ruhe ſich auf den Schreib⸗ tiſch. Fürſt Kaunitz war wieder er ſelbſt geworden, der beſonnene, ruhige Staatsmann, der ſelbſt mit dem Tode zu diplomatiſiren gedachte! Er nahm eine Feder und ſchrieb eineInſtruction an ſeine Vor⸗

*) Groß Hoffinger. Th. I. S. 84.