————
—
4 ¹
148
hohe, prachtvolle Geſtalt zu ſehen, umgeben von zehn blühenden Kin⸗ dern in der Fülle der Geſundheit, Schönheit und Jugend, welche mit leuchtenden, freudeſtrahlenden Augen auf ihre Mutter hinſchaueten, und dem Volk mit einem glücklichen Lächeln dankten für die Jubelrufe, mit welchen es jeden Schritt der kaiſerlichen Familie begleitete.
Eine unnennbare Freude, eine ſelige Luſt füllte die Bruſt der Kai⸗ ſerin, und ſtrahlte in hellen Liebesflammen aus ihren Augen. Maria Thereſia hatte wohl Recht gehabt, ihre Augen waren doch dieſelben geblieben, und aus dieſen Augen ſtrahlte jetzt eine ſo ſchöne, erhabene, reine Seele, daß davon ihr ganzes Antlitz wie von einer Glorie der Schönheit übergoſſen ward. Zu dieſer Stunde war die Kaiſerin nicht „das häßliche alte Weib,“ wie ſie ſich geſtern ſelber genannt, ſondern die glückſelige, ſtolze, triumphirende Kaiſerin, welche die Huldigungen eines jauchzenden, freudetrunkenen Volkes empfing; zu dieſer Stunde war ſie auch nicht die trauernde Wittwe ihres Gemahls; vergeſſen waren alle Schmerzen, alle Thränen, vergeſſen aller Kummer der Ver⸗ gangenheit, und nur als eine glückliche, ihrem Volke, ihren Kindern und dem ſonnigen Leben wiedergegebene Geneſene fühlte ſich die Kaiſe⸗ rin. Mit ſolchem Gefühl ſank ſie inmitten ihres Volkes im Dom zu St. Stephan vor dem Altar auf ihre Kniee nieder, und dankte Gott für die Freude dieſer Stunde, und gelobte ſich ſelber, in treuer Pflicht⸗ erfüllung und nie ermüdendem Eifer für das Wohl des Volkes dieſem die Liebe und Anhänglichkeit, welche es ihr heute bewieſen, zu vergelten.
Erſchöpft, todesmatt von ſo viel Aufregung und Rührung, glühend erhitzt von der Gluth der heißen Juliſonne, die während des ganzen Weges durch die Straßen auf ihren Scheitel gebrannt, kehrte Maria Thereſia endlich in ihre Gemächer zurück. Die Kammerfrauen eilten herbei, die Gebieterin ihrer ſchweren Gewänder zu entkleiden, und ihr das feuchte Haar zu trocknen. Aber Maria Thereſia wehrte ſie zurück.
Laßt mich, ſagte ſie, will mich kühlen und trocknen auf meine Weiſe. Die Luft perſteht es beſſer, als Ihr Alle, und iſt weicher, als alle Eure Tücher. Oeffnet mir die Thüren und Fenſter des Zim⸗ mers, und ſetzet mir meinen Stuhl da in der Mitten hin, da will ich mich kühlen.
Aber Majeſtät wollen gnädigſt bedenken, daß Sie krank geweſen,
2


