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Sie gedachte auch, wie ſie trotz aller ſeiner Härte, ſeiner Grau⸗ ſamkeit ihn dennoch geliebt, ja, wie ſie gefühlt habe, daß Joſeph wohl ein Recht habe, ſie zu haſſen und zu verabſcheuen, wie er ihr nimmer verzeihen könne, daß ſie an jenem Hochzeitsabend ſeinem edlen und offenen Vertrauen nicht offen entgegengekommen war, und nicht den Muth gehabt, ihm die Wahrheit zu ſagen.
Aber jetzt hatte ſie dieſes Unrecht geſühnt, geſühnt mit zwei Jahren der Thränen, der Demüthigungen und der Schmerzen, jetzt, da ſie im Begriff war, zu ſterben, und ihn von ihrer verhaßten Gegenwart zu befreien, jetzt konnte er wohl Barmherzigkeit üben, jetzt durfte er ihr ver⸗ zeihen, daß ſie mit ihrer dunklen, traurigen Exiſtenz ſein Leben getrübt hatte!
Oh nur Einmal noch ſehnte ſie ſich, ihn zu ſehen, nur Einmal noch dieſe wundervollen großen Augen zu ſchauen, die für ſie der ganze Himmel geweſen waren, nur Einmal noch dieſe Stimme zu hören, die ihr ſtets wie die ſchönſte und herrlichſte Muſik erklungen war!
Aber er war unerbittlich bei all ihrem Flehen, ihrer Sehnſucht! Immer wieder war van Swieten mit traurigem Kopfſchütteln zu ihr zurückgekehrt, und hatte geſagt:„Der Kaiſer wagt es nicht zu kommen. Er fürchtet die Anſteckung für die Kaiſerin oder ſeine Geſchwiſter!“ In der Verzweiflung ihrer Sehnſucht hatte Joſepha es ſogar über ſich vermocht, ihre furchtbaren Qualen zu überwinden, ſich aufzurichten von ihrem Lager, mit ihren blutenden, zerfetzten Händen die Feder zu nehmen, ihre geſchwollenen, ſchwarz unterlaufenen Augenlider, ungeachtet der folterndſten Schmerzen, weit aufzuſchlagen und an ihren Gemahl einen flehenden Jammerbrief zu ſchreiben.
Van Swieten ſelbſt hatte dieſen mit Thränen und Blut befeuchteten Brief zum Kaiſer getragen; als er aber nach kurzer Zeit mit demſelben traurigen Geſicht zurückkehrte, und die frühere Weigerung des Kaiſers wiederholte, da brach Joſepha in ſo laute, herzzerreißende Klagen, in ſo verzweiflungsvolles Wehegeſchrei aus, daß es weithin alle Gemächer und Säle des Schloſſes durchhallte.
Van Swieten, von Grauen und Mitlled ergriffen, fühlte, daß er das Aeußerſte wagen müſſe, um dieſer armen gemarterten Seele Troſt zu bringen, daß es, da es für ihren Körper keine Rettung und keine Arzenei mehr gebe, jetzt ſeine Pflicht ſei, der Arzt ihrer Seele zu werden.


