Teil eines Werkes 
1. Abtheilung, Kaiser Joseph und Maria Theresia : 3. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

119

ſtrahl der Liebe, welchen er in der kalten Einſamkeit ſeines Herzens ſo lang erſehnt hatte. Mit einer ungeſtümen Haſt warf er ſeine beiden Arme um den Hals der Kaiſerin, und preßte einen glühenden Kuß auf ihre Lippen.

Mutter, meine theure Mutter! ſagte er mit leiſem zärtlichem Ton, und als habe er mit dieſem einen Ausruf Allem Ausdruck gegeben, was von Liebe und Zärtlichkeit in ſeinem Herzen glühte, ſchwieg er und lehnte ſein Haupt an ſeiner Mutter Bruſt.

Sie ſchaute mit einem ſeligen Lächeln zu ihm nieder, und ſtreichelte mit ihrer Hand ſeine ſchöne, hohe Stirn.

Biſt alſo noch einmal heimgekehrt an das Herz Deiner Mutter, mein Herzensbub'! flüſterte ſie. Haſt noch einmal wieder den Weg ge⸗ funden zu dem Neſt, aus dem Du ausgeflattert, Du wilder Vogel Du. Fühlſt einmal wieder, das es doch am heimlichſten und am ſtillſten ſich ruht an treuer Mutterbruſt, und daß da doch allzeit die unverlier⸗ bare und ewige Heimath iſt! Will's Dir nit verſagen, hinauszufliegen in die weite Welt, aber mußt mirr verſprechen, treulich und fröhlich heim⸗ zukehren, und all die wüſten Gedanken und die Verdrießlichkeit da drau⸗ ßen zu laſſen in der fremden Welt. Wirſt auch ſchon ſehen, mein Herzensbub', daß es anderswo auch nicht vollkommener und beſſer iſt, und daß es dorten eben ſo viel Uebelſtände und Hinderniſſe giebt, wie hier bei uns. Es ſind eben überall Mängel und Irrthümer, und weil wir keine Götter ſind, müſſen wir die menſchlichen Schwächen und Fehler auch an uns ſelber tragen. Bin mir in Demuth meiner eigenen Fehler und Schwächen bewußt, und wenn ich mit denſelben Dich jemals ge⸗ kränkt und beleidigt habe, mein Sohn, ſo bitt' ich Dich, es mir zu ver⸗ zeihen, denn es iſt nimmer und nimmer aus böſem Willen geſchehen!

Nein, Mutter, ſagte Joſeph tiefbewegt, ich bin es, der um Ver⸗ zeihung zu bitten hat. Mein Herz iſt ſtörriſch und wild, ich weiß es, aber glaub' nur, daß es dennoch mit zärtlichſter und treueſter Sohnes⸗ liebe an ſeiner edlen und großen Kaiſerin hängt, glaub' nur, daß ich von allen Deinen Unterthanen von nun an ſtets der gehorſamſte und treueſte ſein bleiben und will. Hab' nur ein wenig Nachſicht und Ge⸗ duld mit mir, meine Mutter, denn Du haſt wohl Recht, mein Herz iſt armer wilder Vogel, dem ſie recht ſchlimm mitgeſpielt haben da

8— —

5

84₰

—