Teil eines Werkes 
1. Abtheilung, Kaiser Joseph und Maria Theresia : 3. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

—

—

——

———

*

——C——

118

in die weite Welt, in die ſchöne friſche Gottesluft. Hier bin ich der arme verſpottete Kaiſer ohne Land, da draußen werde ich ein freier glücklicher Menſch ſein, dem die ganze Welt gehört, ſo weit ſein Blick reichen, und ſein Pferd ihn tragen kann! Ja, ich will reiſen, ich will mir wieder Muth und Kraft ſammeln, um dann wieder mit energiſcher Geduld meine Siſyphus⸗Arbeit beginnen zu können. Mein Tag wird auch einſt kommen, und wenn er da iſt, ſoll er mich vorbereitet und ſtark finden!

Der Kaiſer traf mit raſcher Energie alle Vorbereitungen zu einer größern Reiſe, und eilte, als dieſe beendet waren, zu ſeiner Mutter, um von ihr, der Etiquette gemäß, die Einwilligung zu ſeiner Reiſe zu erbitten. Maria Thereſia empfing den Sohn mit jener edlen, faſt treu⸗ herzigen Freundlichkeit, welche einen ſo ſeltenen und unwiderſtehlichen Zauber über ihr ganzes Weſen ausbreitete. Sie ſah ihn mit ſo zärt⸗ lichem Lächeln, ſo freundlichen Blicken an, daß Joſeph ſich davon wider ſeinen Willen ergriffen und erfreut fühlte, und einen zärtlichen Kuß auf die Hand ſeiner Mutter preßte, welche dieſe ihm lebhaft ent⸗ gegen geſtreckt hatte. Es war das erſte Mal ſeit dem Tage, an wel⸗ chem Maria Thereſia die Regierung wieder angetreten, daß Mutter und Sohn ſich wieder allein und ohne Zeugen gegenüber ſtanden, und Beide fühlten ſie die Gewalt und Bedeutung dieſes Momentes.

Habe dieſer Stunde mit bangem Herzen und ſchmerzlicher Rührung mich entgegen geſehnt, mein Sohn, ſagte die Kaiſerin, indem ſie den Sohn näher zu ſich heranzog, hab' gefühlt, daß Du in Deinem Herzen Deiner Mutter grollteſt, und vermeinteſt, ſie habe beſſer gethan, ihre ſtillen Gemächer nimmermehr zu verlaſſen, und Dir das Scepter allein anzuvertrauen. Aber bedenk, mein Sohn, daß ich dieſes Scepter von Gott erhalten habe, und daß ich es führen muß nach beſtem Gewiſſen, bis es Ihm gefällt mich abzurufen. 1

Joſeph blickte mit wahrer und aufrichtiger Rührung in das bewegte Antlitz ſeiner Mutter. Er ſah die Thränen, welche in ihre Augen traten, er ſah, wie ihre Lippen zitterten vor innerer Bewegung, wie ihre ver⸗ ſchleierten Blicke mit flehendem, zärtlichem Ausdruck auf ihm ruhten. Und unter dieſen Blicken ſchmolz die Eisdecke, welche ſo lange ſein Herz umhüllt hatte, unter dieſen Blicken fühlte er den warmen Sonnen⸗