Teil eines Werkes 
1. Abtheilung, Kaiser Joseph und Maria Theresia : 3. Band (1857)
Entstehung
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Kammerfrau, leiſe auf ihren Zehen zu dem Sarge herantretend, neben welchem die Kaiſerin ſtand.

Mein Haar ſollſt Du mir abſchneiden, befahl die Kaiſerin, indem ſie die ſchwarze Krepphaube abnahm und die Nadeln aus ihrem Haar löſte, daß es jetzt in langen dicken Flechten über ihren Nacken niederfiel.

Nein, Majeſtät, nein, rief Charlotte, in Thränen ausbrechend. Nimmer kann ich dieſen grauſamen Befehl ausführen. Es iſt unmög lich, daß Ew. Majeſtät im Ernſt daran denken wollen, Sich Ihres wun dervollen Haares zu berauben

Gutes Kind, ſagte die Kaiſerin, haſt manche böſe Stund' gehabt um meinwundervolles Haar, hab' oft in der Eitelkeit und dem Leicht⸗ ſinn meines Herzens mit Dir gezankt und gegrollt, wenn Du mein Haar nicht prunkvoll genug arrangirt hatteſt, und jetzt bitteſt Du noch für dieſe Flechten, die Dir ſo manche Thrän' gekoſtet haben! Sollſt nicht mehr um ſie weinen, Kind! Nimm Deine Scheer' und ſchneide ſie ab!

Bedenken Ew. Majeſtät aber, wie die Erzherzoginnen und die Erzherzoge jammern werden um die ſchönen Haarflechten der Kaiſerin, die ſie Alle ſo ſehr geliebt, flehte Charlotte.

Sie würden ſie doch nimmer wieder ſchauen, ſagte Maria Thereſia, denn die ſchwarze Haube wird keinem anderen Kopfputz Platz zu machen haben. Nimm alſo Deine Scheere!

Aber Charlotte zögerte noch immer. Ich ſoll dieſe Flechten ab⸗ ſchneiden, klagte ſie. Haben Ew. Majeſtät denn vergeſſen, wie ſehr der Kaiſer ſie geliebt hat?

Juſt, weil ich es nit vergeſſen, ſollſt Du das Haar abſchneiden, rief die Kaiſerin. Es iſt das letzte Opfer, das meine Liebe ihm brin⸗ gen kann. Hab' nicht das Recht, wie die indiſchen Frauen, zu ſterben mit dem Manne meiner Liebe. Die Religion verbietet es mir! Aber habe wohl das Recht, meinem Gatten ein Opfer meiner Liebe in den Sarg zu legen. Er hat ſich eft gefreut an meinem Haar, hat oft die langen blonden Flechten und Locken durch ſeine Hände gleiten laſſen. Jetzt, da er ſie nicht mehr ſchauen kann, ſoll auch kein Anderer ſie mehr erblicken. Es iſt die letzte Liebesgab', die ich dem Kaiſer dar⸗ bringen kann, das letzte Andenken an mein ſchönes Liebesglück, das ich dem Scheidenden mitgeben kann in ſein dunkles Ruhelager! Red' alſo