Teil eines Werkes 
1. Abtheilung, Kaiser Joseph und Maria Theresia : 2. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

wieder verlaſſen durfte, ſandte ſie zu ihrem Vater, und begehrte von ihm eine Unterredung. Man hatte ihr geſagt, daß er während ihrer Krankheit oft in ihr Zimmer gekommen und Stundenlang an ihrem Lager geſeſſen, aber nicht ein einziges Mal, ſeit ihr Bewußtſein zurück⸗ gekehrt, war er zu ihr gekommen, nicht ein einziges Mal hatte er ihr einen Gruß, ein Wort der Liebe geſandt.

Jetzt forderte Iſabella von ihm eine Unterredung und er verwei⸗ gerte ſie ihr nicht. Er ließ ihr ſagen, daß er ſie ſogleich erwarte.

Die Prinzeſſin ſchrak zuſammen, und eine tödtliche Bläſſe bedeckte ihre Wangen. Mein Gott, mein Gott, murmelte ſie, werde ich denn die Kraft haben, ihn wiederzuſehen, ihn, den

Sie verſtummte, in ſich erſchauernd, und ſchloß die Augen, um das furchtbare Bild nicht zu ſehen, das da plötzlich wieder in aller Ge⸗ walt der Wirklichkeit dch ihr darſtellte. Aber ſie wehrte es von ſich, ſie mußte in dieſer Stunde beſonnen und ruhig ſein, denn es galt ihrem Vater gegenüber zu treten, und von ihm eine letzte Gnade zu erflehen.

Sie raffte ſich empor, ſie zwang ſich ruhig zu ſein, und mit hoch⸗ gehobenem Haupt und ſtolzer ernſter Haltung ſchritt ſie durch die Ge⸗ mächer dahin, trat ſie in das Cabinet ihres Vaters ein.

Herzog Philipp von Parma war ganz allein in ſeinem Cabinet, als die Prinzeſſin zu ihm eintrat. Er ſtand in der Mitte des Gemaches und ſchaute mit feſten düſtern Blicken hinüber zu ſeiner Tochter. Sein ſchmales dürres Antlitz ſchten ihr, feit ſie es nicht geſehen, noch bleicher und dürrer geworden, ſeine großen ſchwarzen Augen lagen noch tiefer in ihren Höhlen, ſeine Lippen waren noch farbloſer, ſeine ſchlanke hagere Geſtalt ſchien ihr noch größer geworden. Wie ein Fremder, Ver⸗ wandelter erſchien ihr der Herzog, und ſie fand nicht den Muth ſich ihm zu nähern. Traurig und kraftlos lehnte ſie an der Thür, bewe⸗

gungslos ſtand der Herzog in der Mitte des Gemachs und erwartete ihr Kommen

Endlich nach einer langen Pauſe, ſtreckte der Herzog ſeine Hand aus. Komm her zu mir, Jſabella, ſagte er gebieteriſch.

Iſabella machte einige Schritte vorwärts, ſie näherte ſich, ſie war

ſchon im Begriff die ausgeſtreckte Hand ihres Vaters zu ergreifen,