—
128
hatten die Erinnerung an dieſe holde und ſchöne franzöſiſche Mutter treu und feſt in ihrem Herzen bewahrt, und wenn die Infantin Iſabella allein war mit ihrem Bruder Don Fernando, dann ſprachen ſie, dem Verbot ihres Vaters zum Trotz, in der Sprache ihrer Mutter, das war ihnen dann, als ob ſie ſelber wieder bei ihnen ſei, und ſie wieder⸗ holten ſich die reizenden Fabeln Lafontaine's, die ihre Mutter ſie gelehrt, und recitirten zuſammen die erhabenen Verſe Racine's und Corneille's, mit deren Werken ihre Mutter ſie vertraut gemacht. Aber wenn ſie mit ihrem Vater zuſammen den Hoffeſten präſidirten, da durften ſie weder Franzoſen noch Spanier ſein, da mußten ſie die Sprache des Volkes reden, deſſen Herrſcherfamilie ſie geworden, und die Infantin Iſabella, mit dem dunklen ſpaniſchen Teint und den tiefernſten, flam⸗ menden ſpaniſchen Augen, mit dem feingebildeten franzöſiſchen Geiſt und der leichten franzöſiſchen Grazie, durfte ſich dann nur als Italiänerin fühlen und zeigen, und mit ihrem Hof nur die Sprache ihres neuen Vaterlandes ſprechen, das ſie indeſſen liebte um ſeiner Muſik, ſeiner Gemälde und Statuen willen, von denen letztern der herzogliche Pallaſt, Dank dem Kunſtſinn der verſtorbenen Herzogin, ſo auserleſene Schätze beſaß, daß ſie noch in unſern Tagen im Muſeum zu Neapel als die „fiore della ducale galeria Parmese“ berühmt ſind. Und Jſabella ſelbſt war eine Künſtlerin, ſie hatte es in der Malerei und Muſik zu einer ſeltenen Meiſterſchaft gebracht,*) und wenn ſie mit bezaubernder Stimme, mit hinreißendem Feuer die Arien Pergoleſe's, Righini's oder Scarlati's ſang, wenn ſie mit überraſchender Treue, Wahrheit und Kraft die großen Werke Correggio's oder Veroneſe's copirte, dann war ſie Otaliänerin, und war ſtolz und glücklich es zu ſein.
So war Jſabella von Parma noch bis geſtern geweſen, in ihren Gemächern die glühende, phantaſtiſche, leidenſchaftliche, und dann wie⸗ der neckiſche und naive Spanierin, in den Salons die geiſtvolle, gra⸗ ciöſe, feine Franzöſin, in den Hallen der Kunſt die tiefgebildete begei⸗ ſterte Italiänerin.
Was war ſie heut? Ein bleiches, kaltes, ſtummes Frauenbild, mit einem Antlitz ſo kalt und ſteinern wie Marmor, mit Augen, in denen
*) Wraxall. Memoirs of the Courts of Berlin, Vienna ete. II. S. 389. 4


