Teil eines Werkes 
1. Abtheilung, Kaiser Joseph und Maria Theresia : 2. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

124

Sie küßt ſeine Lippen zum letzten Mal, und richtet ſich empor. Die Thränen ſind in ihren Augen erloſchen, ruhig, faſt heiter iſt ihr Blick. Langſam wandelt ſie die Allee empor, die zu dem Schloſſe führt. Ihr Fuß berührt kaum den Boden, ihre Geſtalt ſcheint zu ſchweben im Mondenſchein. Ihr Haupt hat ſie zurück gelehnt, ihr Blick iſt gen Himmel gewandt, als ſuche ſie da die Seele ihres Ge⸗ liebten als Stern am Himmel wieder.

Der Mond geht langſam in goldener Fülle mit ihr und beleuch⸗ tet ihren Pfad, und ſie ſchaut ihn an und flüſtert: drei! Gott gebe, daß er drei Stunden gemeint hat! Drei Tage wären eine Ewigkeit!

So wandelt ſie langſam dem Schloſſe zu, und wie ſie ſich dem⸗ ſelben nähert, ſchlüpft eine Frauengeſtalt da drüben aus dem Gebüſch hervor, und eilt zu ihr hin.

Um Gotteswillen, eilen Sie! Die Seitenpforte iſt offen! Noch ſchläft Alles im Pallaſt!

In drei Stunden werde ich auch ſchlafen, ruft ſie mit lautem Jubelton, und ſinkt dann bewußtlos zuſammen.*)

IV. Iſabella von Parma.

Prinzeſſin Iſabella hatte heute Morgen ungewöhnlich lange ge⸗ ſchlafen, und ihre Kammerfrauen, welche ſonſt gewohnt waren, ſchon in der Frühe des Morgens von der Klingel ihrer Herrin gerufen zu werden, warteten heute Stundenlang vergeblich auf ihren Ruf. Die erſte Cameriera machte ein unruhiges und ſorgenvolles Geſicht und flüſterte ihren Gefährtinnen ihre Beſorgniß zu, die Prinzeſſin werde krank ſein, denn ſchon ſeit mehreren Tagen ſei ſie ungewöhnlich bleich und trübe geweſen, habe ihr ganzes Weſen ermattet und ſiech geſchienen.

Ich werde ſie wecken, ſagte die Aja endlich nach dreiſtündigem

*) Karoline Pichler. Denkwürdigkeiten ans meinem Leben. Thl. I. S. 139.