Teil eines Werkes 
1. Abtheilung, Kaiser Joseph und Maria Theresia : 2. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8⁵

Papiers muß das Wort, und ſtatt des alten, verbrauchten Herkommens muß der neue Gedanke herrſchen. Das alte Oeſterreich müſſen wir einſargen und begraben bei unſern Todten, die auf den Schlachtfeldern des verlornen Schleſiens ruhen! Aus ihrer Aſche ſoll ein neues Oeſter⸗ reich auferblühen, ein neues, ſtarkes, einiges Reich, in welchem die Lombardei und Ungarn aufgehen als Provinzen, von denen man nicht ſagt, ſie gehören Oeſterreich, ſondern ſie ſind Oeſterreich! Dann wird Oeſterreich mächtig ſein und ſtark, um ſeinen Feinden zu impo⸗ niren, und ſeinen Freunden Ehrfurcht abzunöthigen. Das junge Oeſter— reich, mit Frankreich im Bunde, wird alsdann der ganzen Welt Geſetze geben, und wenn wir, Dank unſerer Sparſamkeit und unſeren unga⸗ riſchen und lombardiſchen Provinzen, unſere Schulden bezahlt und unſere Finanzen wiederhergeſtellt haben, dann lachen wir der engliſchen Sub⸗ ſidien und des holländiſchen Krämervolkes, denn unſere Subſidien ruhen in unſerer eigenen Kraft und ſtrömen aus unſern eigenen Provinzen zu uns her; dann auch können wir den Blick wieder hinwenden auf Schleſien, und wenn Frankreich und Oeſterreich zugleich von dem König von Preu⸗ ßen das geraubte Schleſien zurückfordern, ſo meine ich, daß er ſich wohl entſchließen wird, es wieder herauszugeben!— Und dieſes Bündniß wird zu Stande kommen, ich zweifle nicht mehr daran. König Ludwig von Frankreich hat es, Dank der Marquiſe von Pompadour, ſchon als ſeine Pflicht erkannt, den Proteſtantismus, als deſſen Hauptſtütze König Friedrich auf dem Continent daſteht, zu unterdrücken. Die Miniſter ſind ſchon bereit, welche das jetzige Miniſterium erſetzen ſollen. Der Herzog von Richelieu

iſt Oeſterreichs erbittertſter Feind, und noch iſt er Premier im Rathe König Ludwigs von Frankreich, aber der Abbe Bernis, und der Herzog von Choiſeul, die Günſtlinge der Marquiſe, werden Richelieu's Nachfolger ſein, und ſie werden auch wie Oeſterreich eine neue Zeit heraufbeſchwören, denn ſie werden die Freundſchaft Oeſterreichs ſuchen!— Das, Majeſtät, ſind meine Pläne und Träume, die ich in meinem Kopfe genährt, von Ew. Majeſtät hängt es ab, ob ſie Wirklichkeit werden ſollen!

Die Kaiſerin hatte ihm mit immer ſteigendem Intereſſe zugehört; ſie war aufgeſtanden, und ging mit lebhaften Schritten auf und ab. Jettt, als Kaunitz ſchwieg, blieb ſie ſtehen, und ihre großen blitzenden Angen ruhten mit einem ſtolzen, freudigen Ausdruck auf ihm.