Teil eines Werkes 
1. Abtheilung, Kaiser Joseph und Maria Theresia : 1. Band (1857)
Entstehung
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Sire,— ich weiß es nicht! Vielleicht werden Sie es an der Handſchrift erkennen.

Ich will wiſſen, Anſelm, wen Du unter dem Mantel vermutheſt?

Nun denn, Sire, ſagte Anſelm kaum hörbar, ich glaube es war die Erzherzogin Chriſtine!

Ich dacht es, murmelte Joſeph vor ſich hin. Es wird eine In⸗ trigue gegen die Prinzeſſin Joſepha ſein, welche ſie haßt, weil ich ſie gewählt habe ſtatt der Schweſter ihres vielgeliebten ſchönen Prinzen von Sachſen.

Anſelm hatte vielleicht das leiſe Selbſtgeſpräch des Königs ver⸗ ſtanden, denn gleichſam als Antwort auf daſſelbe ſagte er jetzt: Es iſt vor einer Stunde ein Courier aus Sachſen angekommen, und ich habe von meiner Schweſter, der Kammerfrau der Erzherzogin Chriſtine, er⸗ fahren, daß er auch für die Erzherzogin viele Briefe mitgebracht hat.*)

Es iſt gut, ſagte Joſeph, geh jetzt zur Ruh, Anſelm. Wenn Dich morgen Jemand fragt, ob Du mir das Papier übergeben, ſo bejahſt Du es, und ſagſt, ich hätte es zerriſſen, ohne es zu leſen. Hörſt Du, Anſelm, ohne es zu leſen!

Er winkte ſeinem vertrauten Diener mit der Hand und kehrte dann wieder in das Zimmer der Prinzeſſin zurück.

Verzeihen Sie, daß ich Sie verließ, ſagte Joſeph, und erlauben Sie mir jetzt, in Ihrer Gegenwart einen Brief zu leſen, den ich eben auf ſehr ſeltſame Art erhalten habe. Sie ſehen, daß ich Ihnen ver⸗ traue, denn ich laſſe Sie meine Geheimniſſe ſehen!

Er verneigte ſich freundlich und heftete dann den Blick auf das verſiegelte Papier in ſeiner Hand. Was war es, was Joſepha er⸗ *) Die Prinzeſſin Chriſtine liebte den jungen und ſchönen Herzog Albert von Sachſen⸗Teſchen, der Kaiſer Franz wollte aber ſeine Einwilligung zu dieſer Vermählung ſeiner Tochter mit einem apanagirten Prinzen nicht geben. Chriſtine wandte deshalb all' ihren Einfluß auf, um eine Vermählung zwiſchen Joſeph und der Prinzeſſin Kunigunde zu Stande zu bringen, weil ſie hoffte, alsdann leichter zu einer Vermählung mit einem Bruder der Königin von Rom die Einwilligung ihres Vaters zu erhalten. Da ihr dies nicht gelang, ward ſie

die unverſöhnliche Feindin der armen Frau, welcher Joſeph den Vorzug g geben. Wraxall Vol. II. S. 411.