195
„Seit wir abreisten, habe ich viel über den Gegen⸗ ſtand nachgedacht, ſelbſt noch als der Tod über mir ſchwebte,“ erwiederte der junge Pole.„Eine der Ur⸗ ſachen, wegen deren ich Eurer Parthei beizutreten mich weigerte, iſt nun weggefallen. Mein Vater iſt nicht mehr. Die Knechtſchaft, unter der ſein edler Geiſt ſeufzte, und der Schmerz über die Unterjochung ſeines Landes haben endlich ſeinem Leben ein Ende gemacht.“
„Dann,“ ſagte Ivan, haſt Du keinen vernünftigen Grund, Dich länger an Rußland gebunden zu halten.“
„Ich thue es auch nicht; ich betrachte mich von meinem Eide, dem Kaiſer zu dienen, befreit,“ antwortete Thaddeus.„Kannſt Du mich aber tadeln, wenn ich zau⸗ dere, mein Schwert gegen meine ehemaligen Waffenbrü⸗ der zu ziehen, von denen viele durch die Bande der Freundſchaft mit mir verbunden waren?“
„Du haſt dieß auch nicht nöthig,“ antwortete Ivan, und von nun an werde ich dich als meinen Waffenbruder begrüßen; denn Tſcherkeſſien hat Feinde genug, ohne die Wenigen zu zählen, die mit Dir in Freundſchafts⸗Ver⸗ häͤltniſſen ſtehen. Die wilden, kühnen Koſaken ſollen Deine Gegner ſeyn, und auf den Baͤnken des Kuban werden ſie Dir Gelegenheit genug geben, Credit und Ruf unter uns zu gewinnen.“
„Dränge mich nicht länger über dieſen Gegenſtand, mein Freund,“ entgegnete der Pole,„Ich habe kaum noch gelernt, mich wieder als zu den Lebenden gehörig zu betrachten, ſo ſchnell und unverhofft war meine Er⸗ löſung vom Tode. Vieles ſtimmt mich zu ernſtlichem Nachdenken.“
Die beiden Freunde verfielen nun längere Zeit wie⸗ der in Stillſchweigen; denn auch Ivan's Gedanken waren mit Zuſammenſtellungen beſchäftigt, die zwar unbeſtimmt und ungewiß aber doch voll Hoffnung waren, nämlich, wer wohl der edle Häuptling war, deſſen Namen er ge⸗
13


