Teil eines Werkes 
3. Band (1858)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

202

vor ihnen und begrüßte ſie als ein verlobtes Braut⸗ paar.

An demſelben Tage noch ward das Teſtament des Königs eröffnet. In der großen goldenen Königs⸗ halle, in welcher ſo oft König Heinrichs fröhliches Lachen und ſeine donnernde Zornesſtimme erſchallte, las man jetzt ſeine letzten Befehle. Der ganze Hof war verſammelt, wie ſonſt zu den fröhlichen Feſten, und Katharina ſaß noch einmal auf dem königlichen Throne, aber ihr zu Seite nicht mehr der gefürchtete Tyrann, der blutgierige König Heinrich der Achte, ſondern der arme bleiche Knabe Eduard, der von ſeinem Vater weder die Energie, noch den Geiſt, ſon⸗ dern nur die Blutgier geerbt hatte und die fröm⸗ melnde Heuchelei. Ihm zur Seite ſtanden ſeine Schweſtern, die Prinzeſſinnen Maria und Eliſabeth, Beide bleichen und vergrämten Angeſichtes, aber bei Beiden war es nicht der Vater, um den ſie trauerten.

Maria, die bigotte Katholikin, ſah mit Entſetzen und bitterm Schmerz die Tage der Trübſal herein⸗ brechen über ihre Religion, denn Eduard war ein fanatiſcher Widerſacher der katholiſchen Religion, und ſie wußte, daß er das Blut der Papiſten mit ſcho⸗ nungsloſer Grauſamkeit vergießen würde, deshalb war es, daß ſie trauerte.

Aber Eliſabeth, dieſes junge Mädchen mit dem glühenden Herzen, ſie dachte weder an ihren Vater, noch an die bedrohte Kirche, ſie dachte nur an ihre Liebe, ſie fühlte nur, daß ſie um eine Hoffnung, um eine Illuſion ärmer geworden, daß ſie aus einem

ſüßen und bezaubernden Traum zu der rauhen und nüchternen Wirklichkeit erwacht war. Sie hatte ihre erſte Liebe aufgegeben, aber ihr Herz blutete, und die Wunde ſchmerzte noch.