—
— 197—
die Feder zu halten, und dieſes Todesurtheil zu unter⸗ zeichnen, das er ſo lange erſehnt und erhofft hatte. Jetzt lag es vor ihm, und er konnte es nicht mehr benutzen. Gott hatte in ſeiner Weisheit und ſeiner Gerechtigkeit über ihn die ſchwerſte und entſetzlichſte Strafe verhängt, er hatte ihm das Bewußtſein ge⸗ laſſen, er hatte ihn nicht an ſeinem Geiſte, ſondern nur an ſeinem Körper gelähmt, und dieſe unbeweg⸗ liche, ſtarre, erkaltende Maſſe, welche da auf dem Ruhe⸗ bett von goldverbrämtem Purpur lag, das war der König. Ein König, den die Gewiſſensangſt nicht ſterben ließ, und der jetzt ſchauderte und ſich entſetzte vor dem Tode, in den er ſo viele ſeiner Unterthanen mit ſchonungsloſer Grauſamkeit gejagt.
Katharina und der Erzbiſchof von Canterbury, der edle Cranmer, ſtanden an ſeinem Lager, und während er in krampfhafter Angſt Katharinens Hände umklam⸗ mert hielt, horchte er den frommen Gebeten, welche Cranmer über ihn ausſprach. 4
Einmal fragte er mit lallender Zunge:„Mylord, was iſt denn dies für eine Welt, wo Diejenigen, welche die Andern zum Sterben verurtheilen, ver⸗ dammt ſind, auch zu ſterben*)?“ Und wie der fromme Cranmer, gerührt von den Qualen und der Betriſſeusanſt welche er in den Blicken des Königs las, und voll Mitleid mit dem ſterbenden Tyrannen, ihn zu tröſten ſuchte und zu ihm Jerech von der Gnade Gottes, welche jedes Sünders ſich erbarmt, da ächzte der König:„Nein, nein! Keine Gnade für Den, welcher keine Gnade kannte!“
Endlich war dieſer furchtbare Kampf des Todes mit dem Leben beendigt, und der Tod hatte das Leben
*) Des Königs eigene Worte. Leti, Vol. I pag. 16.


