Teil eines Werkes 
3. Band (1858)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

— 20—

Sie ſoll nicht mehr geſchmähet ſein! rief Katharina, und indem ſie zärtlich, ihren Arm um Eliſabeths

Nacken legte, reichte ſie ihr eine Pergamentrolle dar.

Nehmt das, Eliſabeth, und möge dies Papier Euch die Verheißung einer freudvollen und glänzenden Zu⸗ kunft ſein! Auf meine Bitte hat der König dies Geſetz gegeben, und mir gönnte er daher die Freude, es Euch zu bringen.

Eliſabeth öffnete das Pergament und las, und ein ſtrahlender Ausdruck breitete ſich über ihr Antlitz aus.

Anerkannt! Ich bin anerkannt! rief ſie. Die Schmach meiner Geburt iſt von mir genommen! Eli⸗ ſabeth iſt kein Baſtard mehr, ſie iſt eine königliche Prinzeſſin! 4

Und ſie kann dereinſt eine Königin werden! ſagte Katharina lächelnd.

Oh, rief Eliſabeth, nicht das iſt es, was mich ſo freudig erregt! Aber die Schmach iſt von mir ge⸗ nommen, und ich darf frei mein Haupt erheben und ohne Scham den Namen meiner Mutter nennen! Oh Mutter, meine Mutter! Jetzt darfſt Du ruhig ſchlafen in Deinem Grabe, denn es iſt kein entehrtes mehr! Anna Boulen war keine Buhlerin, ſie war König Heinrichs rechtmäßige Gemahlin, und Eliſabeth iſt ihres Königs rechtmäßige Tochter! Ich danke Dir, mein Gott, ich danke Dir!

Und das junge, leidenſchaftliche Mädchen ſtürzte auf ihre Kniee nieder und hob ihre Hände und ihre Blicke zum Himmel empor.

Geiſt meiner verklärten Mutter, ſagte ſie feierlich, ich rufe. Dich, komme her zu mir! Beſchatte mich mit Deinem Lächeln und ſegne mich mit Deinem Athem! Königin Anna von England, Deine Tochter