Teil eines Werkes 
3. Band (1858)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

ſie niemals eine Königin ſein würde, es betrübte ſie nur, daß ſie nicht Seymour's Gemahlin ſein könnte.

Sie wollte nicht mehr herrſchen, ſondern ſie wollte glücklich ſein. Ihr Glück aber ruhte in ihm allein, in Thomas Seymour.

Das dachte ſie, als ſie an dem Morgen ihres Ge⸗ burtstages allein und einſam in ihrem Zimmer war, und ihre von Thränen gerötheten Augen, ihre ſchmerz⸗ lich zuckenden Lippen verriethen, wie viel ſie heute geweint, wie viel dieſes junge vierzehnjährige Mädchen ſchon gelitten hatte.

Aber ſie wollte nicht mehr daran denken, ſie wollte den lauernden, überall ſpähenden, hämiſchen und bos⸗ haften Hofleuten nicht den Triumph gönnen, auf ihrem Antlitz die Spuren ihrer Thränen zu ſehen und ſich ihrer Schmerzen und ihrer Demüthigung zu freuen. Sie war eine ſtolze und entſchloſſene Seele; ie würde lieber geſtorben ſein, als das Mitleid und Bedauern der Höflinge angenommen haben.

Ich will arbeiten, ſagte ſie. Die Arbeit iſt der beſte Balſam aller Schmerzen.

Und ſie griff nach der kunſtvollen Seidenſtickerei, welche ſie für ihre arme, unglückliche Freundin Anna von Cleve, die verſtoßene Gemahlin Heinrichs, be⸗

onnen hatte. Aber die Arbeit beſchäftigte nur ihre Finger, nicht ihre Gedanken.

Sie warf ſie weg und griff nach ihren Büchern. Sie nahm Petrarka's Sonnette, und ſeine Liebesklagen und Schmerzen feſſelten und bewegten ihr eigenes, liebekrankes Herz.

Unter ſtrömenden Thränen und doch lächelnd und ſüßer Schwermuth voll las Eliſabeth dieſe edlen und zarten Poeſien. Es ſchien ihr, als habe Petrarka