Teil eines Werkes 
2. Band (1858)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

— 140—

und athemloſer Angſt hinter dem Vorhang, dicht neben Gardiner, welcher die Hände gefaltet hatte und betete.

Während Gardiner betete und Douglas anklagte und verleumdete, war die Königin, nichts ahnend von dieſen Complotten, welche man gegen ſie ſchmiedete, in ihrem Toilettenzimmer und ließ ſich ſchmücken von ihren Frauen.

Sie war heute ſehr ſchön, ſehr prächtig anzuſehen. Ein Weib zugleich und eine Königin, ſtrahlend und ſittſam zugleich, mit einem bezaubernden Lächeln um die roſigen Lippen, und doch ehrfurchtgebietend in ihrer ſtolzen und herrlichen Schönheit.

Keine von Heinrichs Königinnen hatte es ſo gut verſtanden, zu repräſentiren, und keine war ſo ſehr dabei die Frau geblieben.

Wie ſie jetzt vor dem großen Spiegel ſtand, wel⸗ chen die Republik Venedig dem König als Hochzeits⸗ gabe geſandt, und welcher das von Brillanten funkelnde Bild der Königin wiederſtrahlte, lächelte ſie, denn ſie mußte ſich ſelber geſtehen, daß ſie heute ſehr ſchön ſei, und ſie dachte, daß Thomas Seymour heute mit Stolz auf ſeine Geliebte hinſchauen würde.

Als ſie an ihn dachte, überzog eine Purpurröthe ihr Geſicht und ein Zittern durchflog ihre Geſtalt. Wie ſchön war er geweſen heut beim Turnier, wie herrlich war er daher geſprengt durch die Schranken, wie hatte ſein Auge geblitzt, wie verächtlich war ſein Lächeln geweſen. Und dann dieſer Blick, den er zu ihr hinübergeſandt in dem Moment, als er ſeinen Gegner Henry Howard beſiegt und ihm die Lanze aus der Hand geſchleudert hatte! Oh mein Gott, ihr der büite zerſpringen mögen vor Wonne und Ent⸗ zücken 4