— 116—
„Du wirſt dieſen Tag niemals erleben! Der König, ſo alt er iſt, lebt dennoch länger als Du! Bereite
Dich vor auf das Sterben, denn der Tod iſt nahe
ſchon vor Deiner Thür!“—
Und es war nicht das erſte Mal, daß er dieſe Stimme vernahm. Oft ſchon hatte ſie zu ihm geſpro⸗ chen, und immer mit denſelben Worten, derſelben Warnung. Oft in ſeinen Träumen war es ihm ge⸗ weſen, als fühle er einen ſchneidenden Schmerz an ſeinem Halſe, und er hatte ein Schaffot geſehen, von welchem ſein eigenes Haupt hernieder rollte.
Henry Howard war abergläubiſch, denn er war ein Dichter, und dieſen iſt es gegeben, einen geheim⸗ nißvollen Zuſammenhang zwiſchen der ſichtbaren und unſichtbaren Welt zu ahnen, zu glauben, daß über⸗ natürliche Kräfte und unſichtbare Geſtalten den Men⸗ ſchen umgeben und ihn entweder beſchützen, oder auch ihn verdammen.*
Es gab Stunden, in denen er an die Wahrheit ſeiner Träume glaubte, in denen er nicht zweifelte an dieſem trüben und grauenvollen Schickſal, welches ſie ihm verkündeten.
Früher hatte er ſich mit lächelnder Reſignation dar⸗ ein ergeben, aber jetzt, ſeit er Katharina liebte, ſeit ſie ihm angehörte, jetzt wollte er nicht ſterben, jetzt, wo das Leben ihm ſeine entzückendſten Genüſſe, ſeine be⸗ ranſchenden Freuden geboten, jetzt wollte er es nicht laſſen, jetzt graute ihm vor dem Sterben. Er war daher vorſichtig und beſonnen, und, des Königs heim⸗ tückiſchen, wilden und eiferſüchtigen Charakter kennend, war er immer ſorgſam bemüht geweſen, Alles zu ver⸗
meiden, was ihn reizen, was die königliche Hyäne
aus ihrem Schlummer erwecken könnte.—


