— 110—
Wie? Du wirſt ihm alſo dennoch unſere Liebe verrathen?
Oh, ſagte ſie mit einem bezaubernden Lächeln, das iſt ein Geheimniß zwiſchen uns und Gott, und nur dem allein können wir es beichten, weil nur Er allein uns davon abſolviren kann. Lebe alſo wohl, Sey⸗ mour, lebe wohl, und denke mein, bis wir uns wie⸗ derſehen! Aber wann, ſage, wann werden wir uns wieder ſehen?
Wenn es eine Nacht iſt, wie die heutige, Geliebte, wenn der Mond nicht am Himmel iſt.
Oh, dann möchte ich wünſchen, daß alle Woche Mondwechſel wäre, ſagte ſie mit der reizenden Un⸗ ſchuld eines Kindes. Lebe wohl, Seymour, lebe wohl, wir müſſen ſcheiden.
Sie ſchmiegte ſich an ſeine hohe, feſte Geſtalt wie die Liane den Eichenſtamm umrankt. Dann ſchieden ſie. Die Prinzeſſin ſchlüpfte leiſe und ungeſehen wie⸗ der in ihre Gemächer und von dort in die Hofkapelle; der Graf ging die Wendeltreppe wieder hinab, die zu
der geheimen Gartenthür führte..
Unbemerkt und ungeſehen kehrte er in ſeinen Pa⸗ laſt zurück; ſelbſt ſein Kammerdiener, welcher im Vor⸗ zimmer ſchlief, ſah es nicht, wie der Graf leiſe auf den Zehen an ihm vorüberſchlich und ſich in ſein Schlafgemach begab.
Aber in ſeine Bugen kam in dieſer Nacht kein Schlaf, und ſeine Seele war ruhelos und voll wilder Qual. Er zürnte mit ſich ſelber und klagte ſich des Verrathes und des Treubruchs an; und dann ſuchte er doch wieder voll ſtolzen Hochmuthes ſich ſelber zu entſchuldigen und ſein Gewiſſen, welches zu Gericht über ihm ſaß, zum Schweigen zu bringen.


