Teil eines Werkes 
Neue Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 2. Abtheilung : 3. Band (1859)
Entstehung
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rige Vorwürfe ins Ohr. Er konnte es nicht mehr ertragen, er war ſchon im Begriff, den Saal zu verlaſſen, als eine Thür ſich öffnete und der Adjutant eintrat, um ihn in das Zimmieer des Königs zu führen.

Der König war in ſeinem Wohnzimmer. Als Graf Kalkreuth zu ihm eintrat, legte er das Buch bei Seite, in welchem er eben geleſen, und ſtand auf.

Mit ſtrengen Zügen und finſtern Blicken ſchritt er auf Graf Kalk⸗ reuth zu. Ich habe Sie auf den Wunſch meines Herrn Bruders zum General des dritten Armeecorps ernannt, ſagte der König laut und ſtreng. Sie werden ſogleich nach Königsberg abgehen. Sie kennen Ihre Pflichten! Gehen Sie und denken Sie daran, dieſelben zu erfüllen.*)

Sire, ſagte der Graf leiſe, Sire

Kein Wort weiter, gehen Sie!

Graf Kalkreuth hatte kaum ſo viel Kraft, eine letzte militairiſche Verbeugung zu machen, und verließ langſam, ſeine Wuth in ſich hinein⸗ würgend, den Saal.

Der König ſchaute ihm ſinnend nach. Armer Heinrich, ſagte er leiſe, haſt Du auch den Judaskuß eines Freundes empfangen müſſen? Du fühlteſt Dich ſo glücklich, armer Bruder, warum mußte das Schickſal Dich aus Deinen ſüßen Illuſionen wecken. Es iſt immer noch Etwas, in ſeiner Einbildung glücklich zu ſein. Es giebt auf Erden, wie ich glaube, keine andere Art des Glückes. Und was liegt auch daran, ob es die Lüge oder die Wahrheit ſei, welche uns Befriedigung giebt, wenn nur unſer Leben angenehm dabei verfließt.**) Ich bin ſo arm, daß

*.) Des Königs eigene Worte.(Siehe Thisbanlt. Vol. II. p. 163.) Graf Kalkreuth mußte ſofort nach Königsberg abreiſen, und als kurze Zeit darauf Prinz Heinrich auf ſeiner Reiſe nach Petersburg durch Königsberg kam, mußte Graf Kalkreuth vor dem Prinzen die Truppen manoeuvriren laſſen. Der Prinz verweilte indeß nur einen Augenblick bei dem Manoeuvre, um nicht mit dem Grafen ſprechen zu müſſen, und dieſer erlitt dadurch die Demüthigung, daß er dem zurückbleibenden Adjutanten des Prinzen, Herrn von Kaphengſt, dem perſönlichen Feinde des Grafen, gewiſſermaßen die militairiſchen Ehren allein erzeigte.(Thiébault. Vol. II. p. 163).

**) Des Königs eigene Worte.(Siehe Oeuvres. Vol. 19. p. 369.)