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Neue Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 2. Abtheilung : 3. Band (1859)
Entstehung
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meiner Gemahlin zum Abſchied die Hand und dann Gott mit Ihnen! Die Prinzeſſin reichte mit einigen leiſe gemurmelten Worten, die ſelbſt der Graf nicht verſtand, ihm ihre Hand dar, welche kalt und farb⸗ los war, wie die einer Leiche. Der Graf neigte ſein Haupt über die⸗ ſelbe hin und berührte ſie mit ſeinen Lippen, deren Eiſeskälte die Prin⸗ zeſſin durchſchauerte, als habe der Tod ſie geküßt.

Das was ihr letztes Begegnen. Ein kaltes, ſchauerliches Lebewohl für das Leben! Jetzt wandte der Graf ſich zu dem Prinzen hin und dieſer reichte ihm lächelnd die Hand.

Leben Sie wohl, Graf, ſagte er, und indem er ſich zu ihm neigte und ihn leicht umarmnte, flüſterte er in ſein Ohr: Sie haben mir einſt das Leben gerettet, Graf, jetzt ſind wir quitt, denn jetzt haben Sie mir mein Herz getödtet! Leben Sie wohl!

Er ließ ihn aus ſeinen Armen, und Graf Kalkreuth, nicht mehr im Stande ſeine Thränen zu unterdrücken, ſchlug ſeine Hände vor ſein An⸗ geſicht und ſchwankte aus dem Saal.*)

Einige Stunden ſpäter ſtand der Graf in Sansſouci im Vorſaal des Königs, bei welchem er ſich zu einer Audienz hatte melden laſſen. Er mußte lange warten, Niemand kam, ihn zum König zu führen, alle Thüren blieben geſchloſſen. Ringsumher war alles öde und ſtill. Draußen war es dunkel geworden, der ſcharfe Aprilwind ſchlug und klirrte gegen die Fenſterſcheiben und pfiff in dem dunkeln, ausgebrannten Kamin. Dem Grafen ward es ſchauerlich in dieſem öden, lautloſen Gemach, es war ihm, als ſchlichen Geiſter hinter ihm und flüſterten ihm bittere und trau⸗

*) Ueber das Verhältniß des Grafen Kalkreuth zur Prinzeſſin Wilhelmine findet man Notizen in:Retzow, Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges. Ferner imLeben des Prinzen Heinrich von Preußen. Am ausführlichſten berichtet darüber Thiébault, welcher den Grafen als einen ſehr ſchönen, geiſtvollen und liebenswürdigen Mann ſchildert, der bei den Frauen wie bei den Männern in hoher Gunſt ſtand und der mit äußerer Liebenswürdigkeit die höchſten Geiſtes⸗ gaben verband. Er hat ein ſehr hohes Alter erreicht; er ſtarb 1818 als Feld⸗ marſchall in ſeinem zweiundachtzigſten Lebensjahr, und iſt einer der wenigen Helden des ſiebenjährigen Krieges, welcher auch noch den Befreiungskrieg von 1814 mit erlebt hat. u

Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw 2. Abth. III. 12