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dieſer Pein, welche das Innere des Grafen durchwühlte, doch ahnten.
ſie nichts von dieſem verzweiflungsvollen Schmerz, welcher ihn ſeit vier Tagen ruhelos umhertrieb!
Seit vier Tagen, ſeit jenem letzten Begegnen im Garten zu Rheins⸗
berg, hatte der Graf den Prinzen nicht geſprochen. Vergeblich hatte er
ihn ſchriftlich um eine Audienz gebeten, der Prinz hatte ihm ſein Schrei⸗ ben uneröffnet zurückgeſchickt. Vergeblich hatte er zu den verſchiedenſten Zeiten dieſer martervollen Tage ſich bei dem Prinzen melden laſſen, Prinz Heinrich hatte ihn niemals angenommen, ſondern ſich immer unter irgend einem Vorwand entſchuldigen laſſen. Uud doch fühlte es der Graf als eine unabweisbare Nothwendigkeit, mit dem Prinzen eine Erklärung zu haben, doch ſchrie ſein Herz darnach, wie ein Sterbender nach den letzten Tröſtungen ſeiner Religion ſchreit. Denn dieſe Freund⸗ ſchaft zu dem Prinzen, wie er ſie auch immer verläſtert und betrogen hatte, ſie war dennoch des Grafen innerſte und heiligſte Religion ge⸗ weſen, er hatte gegen ſie geſündigt im Leichtſinn und Uebermuth, aber er war jetzt zum Bewußtſein ſeiner Schuld gelangt und bereute ſie tief. Nicht ein Gedanke an die Prinzeſſin war mehr in ſeinem Herzen; auf den Prinzen war all' ſeine Sehnſucht, ſein Verlangen hingerichtet, Ihn mußte er ſprechen, Ihn mußte er verſöhnen. Ihn liebte er jetzt glühen⸗ der als je zuvor, und jetzt, wo der Prinz ſich vielleicht von ihm abge⸗ wendet hatte, fühlte er erſt, was er an ihm verlor!— Er hatte immer noch nicht die Hoffnung auf eine Unterredung mit dem Prinzen aufge⸗ geben, und nur um dieſe zu erlangen, war er bei dem Feſt erſchienen. — Aber, ſo oft er es auch verſucht, ſich dem Prinzen zu nahen, immer war dieſer ihm ausgewichen, immer hatte er einen der zunächſt Stehen⸗ den in das Geſpräch hineingezogen.
Jetzt aber, in dieſem Moment, ſtand der Prinz allein dort drüben in jener Fenſterniſche, jetzt oder nie mußte es dem Grafen gelingen, ihn zu ſprechen. Mit haſtigen Schritten eilte er durch den Saal, und ehe noch Prinz Heinrich Zeit hatte, aus der Niſche hervorzutreten, ſtand Graf Kalkreuth vor ihm.
1 Mein Prinz, flüſterte der Graf leiſe, haben Sie Erbarmen! O, ich beſchwöre Sie, bewilligen Sie mir eine Viertelſtunde Gehör!


