Teil eines Werkes 
Neue Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 2. Abtheilung : 3. Band (1859)
Entstehung
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mann ſah die Thränen, welche langſam zwiſchen ſeinen Fingern hin⸗ durchquollen und welche die Sonnenſtrahlen in blitzende Diamanten ver⸗ wandelten.

Es war ein Anblick, ſo erhaben und ſo rührend zugleich, daß Nie⸗ mand ſeiner ſtummen Gewalt zu widerſtehen vermochte. Die Augen der Sänger füllten ſich mit Thränen, und nur in leiſe gebrochenen, in Rüh⸗ rung ſchluchzenden Tönen hallte die Stimme des Sängers weiter. Aber Benda fand nicht die Kraft, ihm zu zürnen, er wagte nicht, ihn anzu⸗ ſchauen, damit man nicht ſehen möchte, daß ſeine ſonſt ſo trocknen, kalten Augen heute auch von einem glühenden Naß umdüſtert waren.

Der König aber verſank tiefer und tiefer in ſich ſelbſt. Doch als das jubelnde Hoſianna ertönte und ihn weckte aus ſeinem Hinbrüten, erhob er ſich langſam von ſeinem Seſſel und verließ leiſe und ſtumm, wie er gekommen, die Kirche.*)

II. Prinz Heinrich.

Sieben Jahre waren vergangen, ſeit Prinz Heinrich als jugendlicher Held ſeine Gemahlin verlaſſen hatte, um ſeinen Bruder in dem Kampf gegen ſeine Feinde zu unterſtützen. Gleich dem König war auch er nicht ein einziges Mal während dieſer langen Jahre der Kämpfe nach Berlin zurückgekehrt; gleich dem König hatte er ſich auf dem Schlachtfeld Ruhm und Lorbeeren erworben, und glücklicher ſogar als ſein königlicher Bruder, hatte er viele kleine und größere Siege errungen, aber nicht ein einziges Mal mit ſeinem Armeekorps eine Niederlage zu erleiden gehabt. Glück⸗

*) Anekdoten und Charakterzüge aus dem Leben Friedrichs II. Von Nicolai. Heft I. S. 46.