Teil eines Werkes 
Neue Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 2. Abtheilung : 3. Band (1859)
Entstehung
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Der König erhob ſich haſtig von ſeinem Lehnſeſſel. Wie kommt dieſe Vaſe hieher? fragte er mit beklemmter, zitternder Stimme.

Sire, ſagte der Marquis, die Königin Mutter befahl kurz vor ihrem Tode, dieſe Vaſe, welche eines ihrer Lieblingsſtücke und ein⸗ Geſchenk ihres edlen Bruders Georg des Zweiten war, hier in dieſem Zimmer aufzuſtellen, damit ſie Eure Majeſtät dereinſt bei Ihrer Heimkehr als eine Erinnerung an Ihre Mutter begrüßen möge. In ihrem Auftrag habe ich ferner jenes Paket Briefe dort auf dem Sockel der Vaſe nie⸗ derlegen müſſen, nachdem die Königin Mutter ſelbſt ſie mit ſterbender Hand verſiegelt und adreſſirt hatte!

Der König erwiederte nichts. Er neigte ſeine Stirn an die Vaſe, als wolle er an ihrer kalten, glänzenden Fläche die Gluth ſeines Ant⸗ litzes kühlen, vielleicht aber auch um den Freund die beiden Thränen nicht ſehen zu laſſen, welche langſam über ſeine Wangen rollten, und auf die mit einem kreuzweis gebundenen ſchwarzen Bande zuſammenge⸗ haltenen Papiere niederfielen.

Der König hob das Paket empor und betrachtete mit einem tiefen Seufzer die zitternden Schriftzüge der geliebten Hand, welche die Adreſſe geſchrieben.An meinen Sohn, den König, las er dann ganz leiſe; oh, meine theure Mutter, wie arm haſt Du mich gemacht, denn jetzt bin ich nicht mehr der Sohn, ſondern nur noch der König!

Er neigte ſein Haupt tiefer auf das Papier und drückte einen heißen Kuß auf die Schriftzüge ſeiner Mutter, dann legte er das Paket ſtill wieder auf den Fuß der Vaſe nieder und blieb gedankenvoll vor der⸗ ſelben ſtehen.*)

*) Dieſe Vaſe blieb viele Jahre lang an demſelben Platz im Studirzimmer des Königs ſtehen, auf dem Fußgeſtell hatte die Königin ſelbſt mit Tinte ihren Namen geſchrieben; damit derſelbe nicht verlöſcht werde, ließ der König eine ſilberne Kapſel über denſelben machen. Auch das Paket Papiere, welches die Correſpondenz der Königin mit ihrem Sohn und der Prinzeſſin Friederike zur Zeit ſeines unglücklichen Fluchtverſuchs nach England(der mit der Hinrichtung Katte's endigte) enthielt, blieb immer auf dem Fuß der Vaſe liegen. Der König, ſeinen Inhalt kennend, erbrach es nie, ſondern ließ das Paket ſo, wie die ſter⸗ bende Königin es zuſammengefaltet und geſiegelt hatte.

Mühlbach, Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abthl. III. 2 8