Teil eines Werkes 
Neue Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 2. Abtheilung : 1. Band (1859)
Entstehung
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Er trat zum Spiegel und betrachtete aufmerkſam ſein eigenes Antlitz und prüfte ſeine Augen und ſeine Lippen, ob ſie nichts verriethen von dem, was in ſeiner Seele vorging, und legte ſein ſchwarzes, glänzendes Haar in ſanften Wellenlinien über ſeine hohe Stirn. Dann klingelte er ſeinem Bedienten und ließ ſich von ihm ſeine öſterreichiſche Hauptmanns⸗ Uniform anlegen und den Degen umſchnallen, denn die allzugroße Güte des preußiſchen Königs hatte den gefangenen Officieren, welche er nach Berlin geſandt, das Tragen ihres Degens geſtattet und ihnen nur das Ehrenwort abgenommen, ſich deſſelben in dieſem Kriege nicht ferner be⸗ dienen zu wollen. Nachdem der Graf Ranuzi, der gefangene öſterrei⸗ ſche Hauptmann, ſeine Toilette beendet hatte, nahm er ſeinen Federhut und ging hinunter auf die Straße.

Sein Antlitz hatte jetzt einen ſorgloſen, gleichgültigen Ausdruck an⸗ genommen; mit freundlichem Lächeln begrüßte er die Bekannten, welche ihm begegneten und denen er vorüberſchreitend einige freundliche Worte, einen harmloſen Scherz zurief.

So gelangte er endlich bis zu jenem kleinen, unſcheinbaren Häus⸗ chen in der Friedrichsſtraße, welches diesmal das Ziel ſeiner Wanderung ſein ſollte. Langſam öffnete er die nur angelehnte Hausthür und trat in den Hausflur ein. Aber jetzt öffnete ſich haſtig eine Seitenthür und eine Dame ſtürzte mit ausgebreiteten Armen auf den Grafen zu.

O, mein Engel, ſagte ſie in dieſer ſanften italieniſchen Sprache, welche ſo ſehr geeignet iſt, die Seufzer der Liebe in Worte zu kleiden, mein Engel, biſt Du endlich da! Vom Fenſter aus ſah ich Dein ſchö⸗ nes, edles Angeſicht, und da ſchien es mir, als durchleuchte es mein Gemach wie ein Sonnenglanz, und mein Herz ward wieder warm und glühend..

Ranuzi erwiderte nichts auf dieſe glühenden Worte, er ließ ſich ſchweigend von der Dame in das Zimmer ziehen, und dann erſt beant⸗ wortete er ihre heißen Liebesverſicherungen mit einigen freundlichen, kühlen Worten.

Du biſt alſo heute allein zu Hauſe, Marietta, ſagte er, und Dein Mann wird uns nicht ſtören?

Mein Mann? rief ſie vorwurfsvoll. Tagliazuchi iſt nicht mehr