um die Hälfte überlegen, und wenn es ihnen gelungen wäre, ſich der bei Zorndorf eroberten einhundert und drei Kanonen zu bemächtigen, welche auf dem Marktplatz als leuchtende Siegestrophäen aufgeſtellt waren, ſo wäre es wohl ein Leichtes geweſen, die preußiſche Beſatzung zu überfallen und zu bewältigen und ſich zum Herrn der Feſtung zu machen. Das war der Plan, welchen man erſonnen hatte, und den man auszuführen im Begriff war. Aber am Tage vor dieſer Aus⸗ führung ward er entdeckt; der preußiſche Commandant ließ die Wachen vor den Kaſematten, in welchen dreitauſend ruſſiſche Soldaten gefangen lagen, verdoppeln, und die ruſſiſchen Ofſiciere in Arreſt bringen. Der Anführer derſelben, Lieutenant von Lüders aus Kurland, ward angeklagt, vom Kriegsgericht verurtheilt und auf Befehl des Königs gerädert.— Aber dieſes abſchreckende und fürchterliche Beiſpiel hatte dennoch nicht ſeine Früchte getragen. Immer neue Verſuche wurden gemacht, immer neue Verſchwörungen der Gefangenen entdeckt, und wenn die Heere der verbündeten Feinde Preußen von Außen angriffen, ſo führten die Ge⸗ fangenen im Innern Preußens einen nicht minder gefährlichen kleinen Guerillakrieg, der um ſo bedrohlicher war, da er nicht mit offenem Viſir und bei Tage, ſondern nur in dem Schatten der Nacht und unter dem Schleier der Verſchwörung geführt werden konnte.
Nirgends ward dieſer kleine Guerillakrieg indeß in größerem Maß⸗ ſtab getrieben, als in Berlin ſelbſt. Hierher hatte der König alle die bei Roßbach gefangenen franzöſiſchen, alle die bei Leuthen gefangenen öſterreichiſchen und die bei Zorndorf gefangenen höheren ruſſiſchen Offi⸗ ciere bringen laſſen. Sie durften frei umhergehen, die ganze Stadt war ihr Gefängniß, und nur ihr Ehrenwort verpflichtete ſie, die Ring⸗ mauern dieſes großen Gefängniſſes nicht zu überſchreiten. Außerdem beeiferte ſich Jedermann, den„armen Gefangenen“ ihre Qualen zu er⸗ leichtern, und ſie durch Feſte und geſellige Zerſtreuungen die Leiden der Gefangenſchaft vergeſſen zu machen. Die Thüren aller der erſten und beſten Häuſer waren dieſen fremden Herren geöffnet, überall waren ſie willkommene Gäſte, und ſelbſt am königlichen Hofe fanden keine Feſte und Geſellſchaften ſtatt, zu denen ſie nicht geladen worden. Denn man gab Feſte und Geſellſchaften bei Hofe, man verbarg ſeine trauernden


