Jedermann wird buhlen um ihre Gunſt. Dann ſind ſie ſeine Mit⸗ regenten und ſchreiben mit ihm ſeinen Völkern Geſetze vor, und herrſchen und glänzen und gebieten mit ihm!
Iſt's alſo ein Wunder, daß ſie ihrer Thronbeſteigung mit klopfendem, ungeduldigem Herzen entgegen ſehen, ein Wunder, daß ſie dieſe träge dahinſchleichenden Stunden verwünſchen, und ſchlafen möchten, immer nur ſchlafen bis zu jenem großen, beſeligenden Mo⸗ ment, wo der Courier ſie weckt, der Courier, welcher die Jubelbot⸗ ſchaft verkündet, daß der Kronprinz den Thron ſeiner Väter einnimmt und König geworden in Preußen?
Nur die Kronprinzeſſin allein ſchien ruhig und unbefangen in⸗ mitten dieſer allgemeinen Aufregung, dieſer qualvollen Erwartung. Sie ſchien ruhig und doch wußte ſie, daß die nächſten Tage über ihr ganzes Leben entſcheiden würden, daß mit dem Lebensfaden des ſter⸗ benden Königs auch ihr Glück zerreißen, auch ihr Herz eingeſargt werden könne!
Aber Eliſabeth Chriſtine hatte ein ſtarkes Herz und eine große Seele. Sie hatte eine ganze Nacht auf den Knieen gelegen und gebetet und geweint, und ihr Herz zerriſſen gefühlt von Jammer und maßloſem Weh. Jetzt war ſie ruhig, heiter, gefaßt auf Alles, ſelbſt auf eine Trennung von ihm. Wenn Friedrich nur den leiſeſten Wunſch äußerte, war ſie entſchloſſen, zu gehen. Wohin? Gleichviel! In die Fremde, in die Ferne! Welchen Weg ſie auch wandelu mochte, immer war ſie gewiß, ihr Ziel bald zu erreichen, dieſes Ziel war das Grab.
Konnte und durfte ſie nicht mit ihm leben, ſo würde ſie ſterben. Das wußte ſie, und weil ſie das wußte, war ſie ruhig, gewann ſie es über ſich, ſogar heiter zu ſein.
Ich lade die Damen und Herren heute in meine Gemächer, ſagte ſie am Nachmittag des zweiten Tages dieſer peinlichen Erwartung. Wir wollen uns einmal einbilden, daß wir das Glück hätten, den Kronprinzen in unſerer Mitte zu ſehen und die Stunden in ſeiner Weiſe und ſeinem Sinne hinbringen. Zuerſt machen wir eine Spa⸗ zierfahrt auf dem See, dann nehmen wir bei mir den Thee und dabei lieſt uns Herr von Bielfeld einige Capitel aus der Henriade,


