XV. Wir ſind Rönig!
Zwei Tage, zwei Nächte waren vergangen und noch immer keine Kunde von dem Kronprinzen. Noch immer lebt der König Friedrich Wilhelm der Erſte, und der kleine Hof in Rheinsberg verzehrt ſich in Ungeduld und Erwartung. Man hat alle Mittel der Zerſtreuung erſchöpft, man hat Waſſerfahrten und Promenaden gemacht, muſicirt, ſich vorgeleſen, mediſirt und empfindſam geſchwärmt. Es iſt Alles vergeblich geweſen. Die Zeit hat ihre Schwingen abgeſtreift und ſich dafür Schuhe von Blei angelegt. Die Zeit fliegt nicht mehr. Sie ſchleicht langſam wie ein altes Weib vorwärts. Wie ewig lang doch eine Stunde iſt, wenn man ihre Sekunden zählt, wie fürchterlich ein Tag ſich dehnt, wenn man mit wachenden, und doch müden Augen ſein Ende erſehnt!
Wo iſt Kaiſerling's Witz und Chazot's muntere Laune geblieben? Weshalb iſt Bielfeld's fröhliches Lachen und Quantzen's Flötenblaſen verſtummt?— Alles iſt ſtumm, Alles ſchweigt und wartet, und träumt von der Seligkeit der Zukunft, von den Tagen des Glanzes, der Macht und Herrlichkeit, welche für alle ſeine Lieblinge und Freunde hereinbrechen werden, wenn der Kronprinz erſt König geworden. Mein Gott, iſt dies nicht ein Glück, welches man wohl mit herzklopfender Angſt erſehnen kann, der Freund, der Vertraute, der Genoſſe eines Königs zu ſein? Mit einem König zu wühlen in ſeinen Schätzen und ſeinen Reichthümern, mit ihm zu theilen die Anbetung und das Zujauchzen eines ganzen Volkes?
Bis jetzt ſind ſie nur geduldete, angſtvolle, heimlich herbeigerufene Freunde des Kronprinzen geweſen, welche immer zu zittern hatten vor dem Zorn des Königs, welche jeden Tag erwarten konnten, von einem Machtſpruch des Königs verwieſen, aus dieſer bezaubernden prinzlichen Idylle verbannt zu werden. Aber wenn der Kronprinz König iſt, daun ſind ſie ſeine mächtigen einflußreichen Lieblinge, und


