Teil eines Werkes 
1. Band (1858)
Entstehung
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von Morien Zeit zu leſen, was daſtand, und ihr Herz klopfte vor Luſt, ihr Buſen wogte und ihre Wangen glühten, als ſie dieſe ſo glühende Liebeserklärung, dieſe halb demuthsvolle, halb gebieteriſche Einladung zu einem Rendezvous las. — Die Lectüre war beendet, lautes Lachen und ſtürmiſche Lob⸗ preiſungen ertönten von allen Seiten. Der Kronprinz faltete das Papier zuſammen, indem er ſich an ſeine Gemahlin wandte und ſie lächelnd fragte, ob ſie zufrieden ſei mit dem Gedicht?

Ich bin es ſo ſehr, ſagte ſie, daß ich Sie bitten wollte, mir das Gedicht wiederzugeben. Ich möchte es aufbewahren zum An⸗ denken an dieſe Stunde.

Aufbewahren? Nicht doch! Ein Gedicht iſt wie eine Blume. Es gehört der Gegenwart, und nur ſo lange es friſch, iſt es ſchön. Wenn man die Blume in ein Herbarium legt, iſt's vorbei mit ihrer Schönheit und ihrem Duft. Auch ein Liebesgedicht ſoll man nicht in ein Herbarium legen. Der Moment hat es gegeben, der Moment ſoll es wieder nehmen, und den Göttern wollen wir opfern, was wir den Göttern verdanken.

So ſprechend, zerriß der Kronprinz das Papier in kleine Stück⸗ chen, die er dann auf ſeiner flachen Hand zu einem kleinen Haufen aufſchichtete.

Gehet hin in alle Winde und lehret alle Völker, daß Nichts unſterblich iſt, auch die Gedichte eines Fürſten nicht, ſagte er, auf die Papierſchnitzel blaſend, daß ſie wie leichte Schneeflocken empor wirbelten und herüber und hinüber flatterten. Nun entſtand ein ſtiges Jagen und Hetzen mit dieſen Papierſchnitzeln, Jeder blies ſie weiter, Jeder machte aus ſeinen Lippen einen kleinen Blaſebalg, der mit ſeinem Luftzug die Schnitzel immer wieder emporwirbelte, Jeder bemühte ſich, den Streiſchen eine beſondere Richtung, ein be⸗ ſtimmtes Ziel zu geben, indem man ſie jener Schönen in's Antlitz oder auf die weißen Schultern, oder dieſem Herrn gerade in's Auge oder in den lachenden Mund blies.

Es war ein luſtiges Schäkern und Jauchzen, ein harmloſes Koſen und Scherzen. Nur die Kronprinzeſſin ſaß immer noch trübe

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