an ſie gerichtet. Sie hatte alſo daſſelbe noch nicht zu Ende geleſen, ſie war noch nicht bis zu jener Strophe gelangt, welche eine unmit⸗ telbare Anrede an den ſchönen Tourbillon, die bezaubernde Leontine enthielt. Man mußte ſie alſo verhindern, dieſes Gedicht zu Ende zu leſen! Das war das Ganze.
Der Kronprinz näherte ſich daher ſeiner Gemahlin mit einem Lächeln, wie ſie es niemals an ihm geſehen und welches ihr Herz erzittern machte vor Wonne.
Ich bitte Sie um Verzeihung, ſagte er, für mein armes kleines Gedicht, das Ihnen auf eine ſo ſtürmiſche und eclatante Weiſe über⸗ geben worden, und es in der That wenig verdient, daß man ihm ſo viel Worte gönnt. Leſen Sie es in einer einſamen Stunde, wo vielleicht die Langeweile Sie heimſuchen will, und dann mag es eine kleine Zerſtreuung ſein für einen müßigen Moment. Aber leſen Sie es nicht jetzt. Heute wollen wir uns nicht mehr mit Verſen und Gedichten plagen, heute wollen wir lachen und froͤhlich ſein. Das heißt, wenn es Ihnen ſo gefällt, Madame!
Die Kronprinzeſſin murmelte einige leiſe, unverſtändliche Worte, und während ihr Herz voll war von Gedanken der Liebe, der Freude und des Entzückens, fand ſie, wie immer, keine Worte für ihre Ge⸗ danken. Dieſe keuſche Schüchternheit ihrer Lippen, dieſe Armuth an Worten bei dem tiefinnerſten Reichthum an Gefühlen, das war das Unglück der armen Kronprinzeſſin. Das war es, was ſie ſchwer⸗ fällig, befangen und geiſtlos erſcheinen ließ, das war es, was ihren Gemahl verſtimmte und ihn ihr entfremdete, und weil ſie das fühlte, ward ſie in ſeiner Nähe um ſo befangener und ängſtlicher, fand ſie um ſo weniger Kraft, ihren Gedanken Ausdruck zu geben.
Hätte ſie in dieſem Moment den Muth zu einer geiſtreichen, pikanten Antwort gefunden, ſo würde das ihrem Gemahl ſehr ge⸗ fallen haben, während ihr Schweigen ihn verſtimmte und ſeine Stirn bewölkte.
Stumm wie ſie ſelber, reichte er ihr jetzt den Arm, und Frau
von Morien mit einem verſtohlenen Wink der Augen begrüßend, führte er ſeine Gemahlin in den Eßſaal zu der glänzend ſervirten,


