Teil eines Werkes 
1. Band (1858)
Entstehung
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gedicht von ihm in Händen hielt, mit einer freudigen Zuverſicht ihren Gemahl nannte. Der Kronprinz erſchien heute nicht, wie gewöhnlich, in der Uniform ſeines Regiments, ſondern er hatte eine franzöſiſche Toilette nach der neueſten Mode gemacht. Er trug einen ſeladon⸗ farbenen Rock von ſchwerem Seidenmoirée, auf den Schultern ver⸗ ziert mit großen Spitzenſchleifen, deren Enden mit ſilbernen Franzen eingefaßt waren. Die kurzen ſeladonfarbenen Beinkleider reichten bis an das Knie und waren hier mit ſpaniſchen Silberſpitzen verziert, welche weit über den ſeidenen Strumpf herabfielen. An den mit

hohen rothen Abſätzen verzierten Schuhen prangten Schnallen mit

Diamanten von ungeheurer Größe, die indeß noch überſtrahlt wur⸗ den von den Brillantknöpfen, welche die lange, ſilberbrokatene Weſte zuſammenhielten*). Aehnlich, aber minder reich war das Coſtüm der Cavaliere des Kronprinzen, und wie die Schaar dieſer auserleſenen, ſchönen, geiſtvollen, reichgeſchmückten Cavaliere in den Saal trat, glänzten die Augen der Damen höher auf und ein lebhaftes Roth färbte ihre Wangen.

Am ſchönſten ſtrahlte das Antlitz der Kronprinzeſſin; nie hatte ſie den Gemahl ſo ſchön geſehen, nie war er ihr in dieſer Verklä⸗ rung der Liebe, des Glückes erſchienen. Und das Alles galt ihr, ihr, der Auserleſenen, Beſeligten, welche er jetzt liebte. Ja, er liebte ſie! Sie hatte nur erſt den Anfang dieſes Gedichtes geleſen, das er ihr geſchrieben, aber dieſer Anfang ſchon enthielt Worte der Zärtlichkeit, der glühenden Liebe..

Während ſie in ſtummer Seligkeit hinüberblickte zu dem Gemahl, näherte ſich Frau von Brandt dem Kronprinzen, und indem ſie ihm leicht und graziös die eben erlebte Scene erzählte, bat ſie ihn um die Beſtätigung ihrer Ausſage.

Des Kronprinzen raſcher Blick war einen Moment von der ſchönen, in Verwirrung und Furcht zitternden Morien zu ſeiner Ge⸗ mahlin hinübergeſchweift, und aus ihrem ſtrahlenden heitern Geſicht hatte er geſchloſſen, daß ſie wirklich noch glaubte, dieſes Gedicht ſei

*) Bielfeld, Vol. II. pag. 82.