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Mutter, und ich habe nicht nöthig, Ew. Königlichen Hoheit ein Ge⸗
heimniß daraus zu machen, weil ich überhaupt gar keine Geheim⸗ niſſe habe.
Sind Sie einverſtanden, Frau von Morien? fragte die Kron⸗ prinzeſſin. Soll ich dieſen Brief öffnen und als Schiedsrichterin ent⸗ ſcheiden?
Aber ehe das geängſtigte und entſetzte junge Weib Zeit zu einer Erwiderung fand, trat Frau von Brandt vor und näherte ſich der Kronprinzeſſin mit lächelnder, zuverſichtlicher Miene. Sie hatte in dieſer äußerſten Gefahr einen verzweifelten Entſchluß gefaßt. Der Kronprinz hatte ihr geſagt, daß dieſes Papier ein Gedicht enthalte. Warum konnte dieſes Gedicht nun nicht ebenſogut für die Prinzeſſin, als für Frau von Morien beſtimmt ſein? Ohne Zweifel enthielt es eine Liebeserklärung, und Liebeserklärungen eignen ſich für jede Frau und ſind Jeder willkommen.
Wenn Ew. Königliche Hoheit erlauben, bin ich bereit, Aufklä⸗ rung über dieſes Räthſel zu geben, ſagte Frau von Brandt voll⸗ kommen ruhig und ſicher.
Die Kronprinzeſſin nickte zuſtimmend.
Dieſer Brief gehört weder der Frau von Morien, noch dem Fräulein von Schwerin, fuhr Frau von Brandt fort.
Nun, Sie verſprachen Aufklärungen! rief die Prinzeſſin lachend, und mir ſcheint, daß Sie das Räthſel immer undurchdringlicher machen. Der Brief gehört weder der Morien, noch der kleinen Louiſe? Wem gehört er denn?
Er gehört Ew. Königlichen Hoheit.
Wie? fragte die Prinzeſſin verwundert, während Frau von Morien mit ſprachloſem Entſetzen ihre Freundin anſtarrte und Fräu⸗ lein von Schwerin in ein fröhliches Gelächter ausbrach.
Ja, dieſer Brief gehört Ew. Königlichen Hoheit. Der Kron⸗ prinz übergab ihn mir vorher mit dem Befehl, ihn auf die Toilette Ew. Königlichen Hoheit zu legen, bevor Dieſelben in Ihr Ankleide⸗ zimmer gingen. Aber ich kam zu ſpät und vernahm, daß Hoheit ſchon mit Ihrer Toilette beſchäftigt ſeien. Ich wagte es daher nicht


