Teil eines Werkes 
1. Band (1858)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

— 95—

zu leihen. Sie müſſen alle Ihre Beredſamkeit, all' Ihre Macht

darauf verwenden, den Kronprinzen von dem Gedanken abzuwenden,

daß er ſich, wenn der König todt iſt, von ſeiner Gemahlin ſchei⸗ den laſſe. Die Kaiſerin will, daß ihre Nichte Königin von Preußen werde.

Ich verdenke dies der Kaiſerin gar nicht, ſagte Frau von Morien mit ihrem ſchelmiſchen Lächeln. Es fragt ſich nur, ob der Wille des Kronprinzen mit dem der öſterreichiſchen Kaiſerin übereinſtimme. Denn Sie wiſſen wohl, daß Prinz Friedrich nicht der Mann iſt, ſich von anderm Willen als dem ſeinigen beſtimmen zu laſſen.

Nicht von dem Willen der Kaiſerin, aber von dem Ihren, Theuerſte!

Und womit gedenkt die Kaiſerin meinen Willen zu beſtechen? Denn ich hoffe nicht, daß dieſe gute Kaiſerin mich für ſo albern und kindiſch hält, daß ihre Wünſche mir Befehle wären, bloß weil ſie von den Lippen einer Kaiſerin kommen? Nein, die kleine Morien iſt in dieſem Augenblick für die Kaiſerin eine wichtigere Perſon, als die Kaiſerin es für mich iſt, und es iſt daher ſehr natürlich, daß ich meine Bedingungen ſtelle.

Sagen Sie nur dieſe Bedingungen, theuerſte Freundin, und ich kann Sie im Voraus verſichern, daß ſie erfüllt werden, es müßte denn ſein, daß Sie die Sterne oder den Mond verlangen wollten, welche Ihnen die Kaiſerin freilich nicht geben kann.

Und doch haben Sie meine Bedingung errathen, ſagte Frau von Morien lächelnd. Ich verlange einen Stern, aber freilich nicht einen von den kleinen dort droben, einen größern, ehrenvollern und ſchönern Stern, den mir die Kaiſerin geben kann.

Ich verſtehe Sie nicht, ſagte Frau von Brandt ganz erſtaunt.

2 Ach, Sie werden mich bald verſtehen, hören Sie nur! Haben Sie nicht vernommen, daß die öſterreichiſche Kaiſerin einen Orden ſtiften will, einen Orden der Tugend und Sittſamkeit? 8

Frau von Brandt brach in ein lautes, ſilberhelles Lachen aus. Und in dieſen Orden möchten Sie aufgenommen werden? ˙ 6 Ja, das möchte ich, und wenn mich die Kaiſerin nicht zur Groß⸗