Teil eines Werkes 
1. Band (1858)
Entstehung
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VI.

Im weißen Saal.

Die Königin hatte keine Ahnung von Allem, was in den Ge⸗ mächern des Königs geſchehen war. Treu dem vom Könige geſandten Befehle hatte keiner der zu ihm gerufenen Herren verrathen, wohin. er gehe, und die Königin hatte ihre Abweſenheit nicht bemerkt. Sie hatte, nachdem ſie die grande tournée durch die Säle vollendet, ſich zum Spiel niedergelaſſen, und unter denen, welche ſie zu ihrem Spiel befahl, war keiner von den Herren, welche der König vom Balle hatte abholen laſſen.

Die Königin ahnte alſo nicht, daß ihr Gemahl auf einige Stur⸗ den von ſeinen Schmerzen geneſen ſei und den Rollſtuhl verlaſſen hatte. Sie war demgemäß heiter und ſorgenlos, und ganz im Ge⸗ fühl ihrer Freiheit und Herrſcherwürde, denn das Auge ihres Gemahls drückte ſie nicht nieder und legte ſich nicht wie ein demüthigender Schleier über das funkelnde Diadem, das auf ihrer Stirn thronte.

Nein, ſie war heute ganz ſie ſelbſt, ganz Königin! Stolz und glücklich, lächelnd und hoheitsvoll, ganz durchdrungen von ihrer eignen Größe und Herrlichkeit, und daher gütevoll und herablaſſend gegen die Schaar der ergebenen, unterwürfigen, ſchmeichelnden, lächelnden Menſchen, welche ſie umgaben. Niemals hatte man die Königin ſo freundlich geſehen, niemals ſo königlich und ſtrahlend.

Ihre Brillanten funkelten an ihr wie ein Heer von Sternen, ihre Augen ſtrahlten von Hoheit und Stolz und jedes Wort, welches ſie ſprach, träufelte wie Manna in den glücklich lächelnden Mund Deſſen, an den es gerichtet war.

Die Königin alſo hatte ſich niedergeſetzt zum Spiel, an dem die Markgräfin Maria Dorothea, ſo wie die Geſandten von England und Frankreich Theil nehmen durften. Hinter dem Stuhl der Kö⸗ nigin ſtanden die beiden Ehrenfräulein der Königin, an welche dieſe zuweilen einige Worte richtete, oder ſie ausſandte, um ſich nach den