— 206—
hören auf den Schrei meiner Seele, ſo würde ich meiner Schmerzen nicht achten, ſondern hingehen und thun, was alsdann meine unabweisbare Pflicht wäre! Aber der Prinz liebt mich! Oh, Madame, bedenken Sie wohl, wie ſtark und groß dieſe Liebe ſein muß, wenn ich den Muth habe, mich ihrer zu rühmen. Ja er liebt mich, und wenn ich ihn verlaſſe, ſo werde nicht ich allein unglücklich, ſondern auch Er wird es ſein, und ſeine Thränen und ſeine Verzweiflung wer⸗ den mich anklagen, denn ich werde es alsdann ſein, welche ihn um ſein Glück betrogen hat! Oh, Königin ich ertrage es nicht, zu denken, daß ſeine Lippen mir fluchen könnten.
Wenn ſie es jetzt thäten, ſo werden ſie eines Tages dafür Sie um deſto inbrünſtiger ſegnen, ſagte die Königin, denn eines Tages wird er erkennen müſſen, daß Sie ihn jetzt nur betrübt haben, weil Ihre Liebe groß und heilig genug war, um ſich ſelber freudig das Opfer darzubringen, und ſich frei und ſelbſtbewußt hinzugeben an das Unglück, um dem Geliebten das Unglück ſpäterer Tage zu erſparen. Denn wie ſehr er Sie auch jetzt lieben mag, ein Tag wird kommen, wo er von Ihnen ſeine Zukunft, ſeine Größe, und ſeine Anſprüche auf einen Königsthron zurückfordern wird, welches Alles er Ihnen geopfert hat. Dieſes Opfer wird er alsdann Ihnen zu einem Vorwurf machen, und dann wird er es Ihnen nie verzeihen, daß Sie ſchwach genug geweſen, ſeinen Wünſchen nachzugeben! Denn glauben Sie mir nur, in dem Herzen der Männer giebt es nur Eine dauernde Lei⸗ denſchaft, das iſt der Ehrgeiz! Die Liebe iſt für ſie nur die Unterhaltung einer vorübergehenden Stunde, nichts weiter! 3 Oh Königin, wenn es ſo iſt, ſo laſſen Sie mich


