Teil eines Werkes 
1. Folge, Berlin und Sansouci oder: Friedrich der Große und seine Freunde : historischer Roman : 3. Band (1855)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

— no—

Welch ein Glück, meine theuerſte Anna, flüſterte er, daß Sie endlich Ihre ſchönen Augen wieder öffnen. Ich glaubte ſchon zu ſterben vor Angſt. Anna Prickerin antwortete nicht ſogleich. Ihre Augen waren mit einem

träumeriſchen Ausdruck auf das lächelnde Antlitz des

Hofcavaliers gerichtet, und während er ihr immerfort erzählte von ſeiner zärtlichen Sorge, von der gnädigen Theilnahme des Königs für ihren Unfall, ſchien Anna mühſam aus ihren Träumen und aus ihrer Beſinnungs⸗ loſigkeit ſich empor zu raffen.

Jetzt ſchoß es wie ein Blitz über ihr Antlitz hin,

jetzt glänzte der Strahl des Bewußtſeins, des erwachten

Geiſtes in ihren Augen auf, und mit einer blitzartigen Bewegung ihren Arm emporſchleudernd, traf ihre Hand voll und mächtig die Wange ihres zärtlich lächelnden Anbeters, der entſetzt zurück taumelte, und leiſe wim⸗ mernd vor Schmerz ſich die Wange hielt.

Warum haben Sie die Achſeln gezuckt? fragte Anna mit zornbebenden Lippen, ſich von dem Divan empor ſchwingend und mit einer drohenden Bewegung auf Pöllnitz hinſchreitend, der angſtvoll und ſcheu, eine zweite Exploſion fürchtend, vor ihr zurück wich.

Warum haben Sie mit den Achſeln gezuckt? wie⸗ derholte Anna drohender.

Ich weiß nicht, daß ich es gethan habe, meine Anna! ſtammelte Pöllnitz.

Sie ſtampfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. Nennen Sie mich nicht Ihre Anna! ſagte ſie heftig. Sie ſind ein treuloſer, verrätheriſcher Menſch, und ich verachte Sie aus tiefſter Seele, denn Sie ſind feig und haben nicht einmal den Muth, Diejenige zu vertheidigen, der Sie tauſend Mal Ihre Liebe zuge⸗ ſchworen haben. Als ich aufgehört hatte zu ſingen, und Niemand mir applaudirte, da gerade hätten Sie

—e