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Eine fürchterliche Stille herrſchte jetzt in dieſem Gemach. Gotzkowsky ſtand unbeweglich mit gen Him⸗ mel gerichteten Blicken da. Vor ſeinem innern Ohr erklangen fort und fort die grauſamen, höhnenden Worte ſeines Kindes und ſchienen all ſeine Willens⸗ kraft in Stein zu wandeln, und ihn ſtarr und ge⸗ lähmt an den Boden zu feſſeln.
Allmälig erholte er ſich aus dieſer Apathie ſeines Schmerzes. Es erwachte das in ſeinen Adern erſtarrte Blut, und ſchoß wie ein brennender Feuerſtrom zu ſeinem Herzen hin. 4
Er neigte ſich zu ſeiner Tochter nieder und ſchaute ſie lange an, und ſeine Züge wurden immer weicher, immer milder. Er ſtrich ihr leiſe mit der Hand die Locken von der klaren, hohen Stirn, und wie er es that, lächelte er faſt wieder, ſo ſchön und liebreizend fand er ſie in dieſer todesähnlichen Ruhe!
Sie iſt ohnmächtig, flüſterte er leiſe, als fürchte er ſie zu wecken. Wohl ihr, und möge ſie, wenn ſie erwacht, alle die grauſamen Worte, welche ſie mir geſagt, vergeſſen haben!
Er legte ſeine Hand auf ihr Haupt, als wolle er ſie ſegnen, und Liebe und Vergebung ſprach aus ſei⸗ nen Blicken. Ein unendlicher Frieden hatte ſeine ganze Geſtalt durchdrungen.
Er verzieh ihr jetzt alle Qual, alles Leid, das ſie—
ihm zugefügt, er verzieh ihr dieſe Vorwürfe, dieſe un⸗
gerechten Beſchuldigungen, und mit einer erhabenen Rührung den Blick zum Himmel wendend, ſagte er: Gotzkowsky I. 13


