ſchönſtes Juwel, er war um die Liebe ärmer gewor⸗ den, und wenn auch vielleicht die Krone auf ſeinem Haupte dadurch feſter ſaß, ſo hatte doch ſein Herz eine Wunde empfangen, welche wohl vernarbte, aber in ihrer Vernarbung gerade ſein Herz zu verhärten be⸗ ann.
3 Aber nicht an dieſe zurückgelegten vier Jahre, nicht an deren heimliche Schmerzen und von Niemanden gewahrte Enttäuſchungen und Reſignationen dachte der König, als er jetzt verklärt vom Glanz der Abend⸗ ſonne auf der Terraſſe von Sansſouci ſtand, und das herrliche Panorama, das ihn umgab, mit ſtrahlendem Auge überſchaute.
Das iſt ſchön, wirklich ſchön, ſagte er zu ſich ſel⸗ ber, und ich denke, Voltaire wird finden, daß die Sonne in Sansſouci faſt eben ſo warm, wie in Cirey ſcheint, und daß man hier auch heiter und zufrieden leben kann, wenn wir hier auch keine divine Emilie haben, welche abwechſelnd mit Kindern und mit ge⸗ lehrten Büchern in die Wochen kommt.*) Ach, ich wollte, er wäre erſt hier, denn ſo lange ich ihn nicht ſehe, glaube ich nicht an ſein Kommen.
*) Voltaire lebte ſeit zehn Jahren in Cirey bei ſeiner Freun⸗ 4 din, der Marquiſe Emilie du Chatelet Lamont, einer ſehr gelehr⸗ ten Dame, welcher Voltaire ſo ſehr ergeben war, daß er, um ſich 2 nicht von ihr trennen zu müſſen, die Einladungen des Königs, 2* nach Sausſouci zu kommen, immer ausſchlug. Im Jahre 1749 gebar die Marquiſe nach zwanzigjähriger Ehe, in ihrem fünfund⸗ vierzigſten Jahre, ihr erſtes Kind. Zwei Stunden nach der Ge⸗ burt ihres Sohnes ſetzte ſie ſich an ihren Schreibtiſch, um eine an⸗ 1 gefangene pbiloſophiſche Abhandlung über das Newton'ſche Natur⸗ ſyſtem zu vollenden. Die Folge davon war, daß ſie erkrankte, und zwei Tage nachher am Kindbettfieber ſtarb.— Erſt nach ihrem Tode nahm Voltaire die Einladung des Königs, nach Sansſouci zu kommen, an.


