Teil eines Werkes 
Berlin und Sansouci oder Friedrich der Große und seine Freunde : historischer Roman : 1. Band (1857)
Entstehung
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Wo iſt die Wahrheit und die Weisheit? Jeder glaubt

ſie zu haben und deshalb ſcheint mir, hat ſie Keiner.

In demſelben Lande, ja in derſelben Stadt lehrt man

uns an verſchiedenen Orten, unter dem Namen Reli⸗ gion, die entgegengeſetzteſten und iderſreiendſen e Dogmen. Hier droht man uns mit dem ewigen Feuer, wenn wir glauben wollen, daß Gott ſelbſt in dieſen trügeriſchen Scheinbildern, zum Beiſpiel des Abend⸗ mahls, enthalten ſei; dort wieder lehrt man und mit derſelben Sicherheit, daß wir dieſelbe Strafe erleiden, wenn wir das nicht glauben. Welche Widerſinnig⸗ keiten! Die einfache Darlegung der verſchiedenen Re⸗ ligionen des Weltalls würde eine ganze Reihe von Folianten anfüllen. Jede Religion faſt verdammt die andere. Sie können alſo demzufolge nicht alle die wahrhaftigen ſein, da die Wahrheit ſich nicht ſelbſt op⸗ 5 poniren kann. Wenn es nur eine wahrhaftige Reli⸗ gion gäbe, würde Gott ſie uns klar und ohne Zwei⸗ deutigkeiten verkündigt haben. Gott, welcher die Wahr⸗ heit ſelber iſt, kann ja nicht dunkel ſein. Wenn dieſe Verſchiedenheit der Religionen nur den Cultus und die Ceremonien beträfe, ſo könnte man das gelten laſſen, wie man die Verſchiedenheit der Kleider als eine an⸗ genehme Abwechſelung gelten läßt. Aber die Dogmen, welche man in England lehrt, ſind unvereinbar mit denen, welche in Rom Gültigkeit haben. Die Religion der Chineſen ſchließt die Perſer aus; jede Religions⸗ geſellſchaft glaubt ſich infaillible und ſchleudert ihre Blitze gegen die übrigen.*)— Wem es gegeben wäre, dieſe Zwiſtigkeiten zu vermitteln, dieſe Gegenſätze aus⸗

*) Des Königs eigene Worte. Siehe: Suppléments des oeu- vres posthumes. Vol. II. pag. 14.