Teil eines Werkes 
2. Abtheilung : 1. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

— 161—

auch meine Pflicht. Die großen Römer wußten das, und ſie ſtarben, wenn das Leben vor ihnen in Trüm⸗ mer zerfiel! Ich bin ein Schüler der Alten und ich will mich ihrer wüſdig zeigen. Wenn Einem Alles genommen iſt, muß Einem wenigſtens die Freiheit gelaſſen werden, ſterben zu können. Die Welt hat nichts mehr mit mir zu ſchaffen, und ich ſpotte ihrer ſchwachen vorurtheilsvollen Geſetze. Wie Tiberius will ich leben und ſterben?— Lebewohl denn, du lügneriſches Daſein, lebt wohl, Ihr feigen Menſchen⸗ ſeelen! Ach, es giebt ſo viele Narren, und ſo we⸗ nig Menſchen unter Euch; ich habe ſo viele treuloſe Freunde, ſo viele Verräther, und wenig aufrichtige Menſchen gefunden! In der Stunde des Unglücks haben ſie mich Alle verlaſſen, Alle!— Aber nein, fuhr der König fort, und jetzt zuckte der Strahl eines Lächelns über ſein Antlitz hin, Einer iſt mir treu geblieben. d'Argens hat ſich nie verleugnet, und von dieſem Abſchied zu nehmen, hätte ich faſt ver⸗ geſſen! Nun der Tod muß noch eine Stunde auf mich warten, ich habe noch an d'Argens zu ſchreiben.

Und wie der König jetzt wieder die Feder zur Hand nahm, leuchtete ſein Antlitz wie in himmliſcher Begeiſterung und ſeine Augen flammten wie Sterne. Die heilige Muſe war hernieder geſchwebt, den ver⸗ zweifelnden Helden zu tröſten, und ihm ſchöne und köſtliche Worte zuzuflüſtern. An den Pforten des Todes ſtehend ſchrieb Friedrich an d'Argens ſein ſchönſtes und ſchwungvollſtes Gedicht, die Epiſtel: „Ami, le sort en est jeté.“ Seine ganze Seele ſtrömte ſich aus in Klagen, und die Schmerzen und Kümmerniſſe, die er bis dahin Niemanden verrathen hatte, die geſtand er jetzt in rührend ſchönen Worten dem fernen Freund. Er ſchilderte ihm, wie er ge⸗

Friedr. d. Gr. u. ſ. Geſchw. 2. Abth. I. 11