Teil eines Werkes 
2. Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 1. Abtheilung : 3. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

210

Bald werde ich dort ſein, Laura, ſagte Prinz Auguſt Wilhelm endlich nach einer langen Pauſe. Bald werde ich wieder leben und dieſer lange Kampf des Sterbens wird vorüber ſein. Seit ſechszehn Jahren ſterbe ich, langſam, Tag für Tag, Stunde um Stunde. Nicht wahr, Laura, es ſind ſechszehn Jahre, daß wir uns nicht geſehen?

Sie nickte ſtumm. Nein, fuhr er lächelnd fort. Es war geſtern, Laura! Wenn ich Dich anſehe, weiß ich, es war geſtern! Denn Du biſt noch dieſelbe, die Du damals warſt! Das iſt daſſelbe ſchöne Engels⸗ antlitz, das ich hier in meinem Herzen trage. Nichts hat ſich an ihm geändert, und ich danke Gott dafür, denn es wäre ſchmerzlich geweſen, meine Laura mit einem fremden Antlitz wiederzuſehen. Nein, das iſt noch dieſelbe Laura, die mich vor ſechszehn Jahren ver⸗ ließ. Und nun ſieh mich an, ſieh' was das Leben aus mir gemacht hat! Sieh, wie es mich zerfetzt hat, wie es mich zu Tode gemartert hat mit Nadelſtichen, mit tauſend Wunden, um die ich Niemand als meinen Mörder anklagen kann, aber an denen ich doch ſterbe. Oh, Laura, Laura, warum verließeſt Du mich, warum wollteſt Du nicht mit mir dieſe elende, heuchleriſche, entſetzliche Welt der Civiliſation verlaſſen und mir folgen in die neue Welt, wo uns die Liebe, das Glück und die Wahrheit des Lebens erwartete?

Ich durfte es nicht, ſagte ſie. Gott forderte dies Opfer von mir, und nur, weil ich grenzenlos liebte war ich ſtark genng es zu bringen. Aber Gott weiß auch, was es mich koſtete, und wie ich alle dieſe Jahre mit meinem Herzen vergeblich gerungen habe, um es das Vergeſſen zu lehren.

Nun darfſt Du nicht mehr ringen, Laura, ſagte er,