Teil eines Werkes 
2. Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 1. Abtheilung : 3. Band (1857)
Entstehung
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Athem, und immer tiefer ſich neigend küßte ſie leiſe ſeine Lippen. Jetzt ſchlug er die Augen auf, ganz ruhig, ganz

oobhne Ueberraſchung, nur mit innigſter, ſeligſter Freude

blickte er zu ihr empor. Nun fragte ſie nicht mehr, ob dieſe bleiche, ſterbende Geſtalt, ob das der Geliebte ihrer Jugend ſei. In ſeinen Augen fand ſie ihn wie⸗ der, in ſeinen Augen war die Liebe, die Jugend, die Seele zurückgeblieben.

Langſam hob er die Arme empor und zog ſie zu ſich, und ſie ſank an ſeine Bruſt nieder und lehnte ihr Haupt an ſeine kalte Wange, und der glühende Athem ihres Mundes hauchte ihn an wie mit einem neuen Lebensſtrom, und ſchien ihm die ſchon entſchwin⸗ dende Lebenskraft wiederzugeben.

Lange ſprachen ſie kein Wort. Was hätten ſie ſich auch ſagen ſollen in dieſem erſten, heiligen Moment des Wiederſehens; ſie hatten einander ſo viel zu ſagen, daß es ſich nicht in Worte faſſen ließ.

Sie lagen Herz an Herz gedrückt, und nur Gott verſtand ihre halben Seufzer, ihre unausgeſprochenen Gebete, ihre zurückgehaltenen Thränen, nur Gott war bei ihnen. Er ſandte durch die geöffneten Thüren die friſchen Wohlgerüche der Blumen zu ihnen her, er rauſchte in den hohen Bäumen des Gartens, daß ſie wie mit heiligen Orgelklängen dieſe große, letzte Hymne der Liebe begleiteten, er ließ im fernen Gebüſch die Nachtigall ihre klagende und ſchmerzvolle Stimme er⸗ heben zu einem Abſchiedsliede, mit welchem die ewig lebensvolle Natur den ſterbenden Menſchenſohn be⸗ grüßen wollte. 1

Gott war bei ihnen, und ihre Gedanken waren Gebete, und ihre Blicke, welche bis jetzt nur in einan⸗ der geruht, richteten ſich jetzt zum Himmel empor. Mühlbach, Friedr. d. Gr. ꝛc. III. 14