— 191—
Eben ſchlug der Sturm eine ganze Wolke Schnee⸗ flocken an die Fenſterſcheiben und pfiff in dem Kamin wie mit unheimlichen Klagetönen. 2
Nein, murmelte der König, d'Argens wird gwiß nicht kommen, er wird ruhig in ſeinem geliebten Bett geblieben ſein und mir von dort aus empfindungsvolle Briefe über die Freundſchaft ſchreiben. Ich kenne das! Wenn den Menſchen das Gefühl nicht aus dem Her⸗ zen ſtrömt, ſo laſſen ſie es wenigſtens aus der Tinte ſtrömen!— Aber fuhr er dann nach einer kurzen Pauſe fort, dieſes Alles iſt Thorheit! Die Einſamkeit macht mich, wie es ſcheint, zu einem Schwärmer, der nach ſeinen Freunden ſeufzt wie ein Liebhaber nach ſeiner Geliebten. Und bin ich denn ſo ganz einſam? Habe ich nicht meine Bücher? Komm', Lukrez, du guter Freund in guten und in ſchlimmen Tagen, du Weiſer, welcher mich noch niemals ohne Rath und ohne Troſt gelaſſen, komm' und erheitere deinen Jün⸗ ger ein wenig, und lehre ihn dieſe erbärmliche Welt belächeln wie ſie es verdient!
Er nahm den Lukrez von ſeinem Arbeitstiſch, und ſich auf dem Divan ausſtreckend, begann er zu leſen. Tiefe Stille umgab ihn jetzt, nur aus der Ferne ver⸗ nahm man das Läuten der Glocken, die zu Ehren des königlichen Geburtstages ertönten, denn die Breslauer, welche kurz zuvor noch die ſiegenden Oeſterreicher mit Jubel willkommen geheißen, wollten jetzt, wo der Kö⸗ nig von Preußen Breslau wiedererobert hatte, dem Sieger ihren eifrigen Patriotismus beweiſen, deshalb ließen ſie alle Glocken läuten, deshalb wollten ſie heute, am Abend des königlichen Geburtstages, in eener glänzenden Illumination die Freude ihres Her⸗ zens funkeln laſſen!
Der König las immerfort, und ſo ganz hatte er


