Teil eines Werkes 
2. Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 1. Abtheilung : 3. Band (1857)
Entstehung
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Ich ſage Dir, ich möchte es wohl, wenn es nur ginge, aber es geht doch nicht! Sein König hat ihn gerufen, und da muß er gehorchen. 5

Aber vielleicht wär's zu machen, daß er bliebe, Vater. Wenn Du ſagen wollteſt, und ich es Dir auf⸗ ſchreiben ſollte, daß Du ſchon zu alt und zu ſchwach wärſt, um Dich ſelber zu erhalten, und bäteſt daher Dir Deinen einzigen Ernährer und die Stütze für Dein Alter zu laſſen, vielleicht würden die hohen Her⸗

ren in Cleve ſich erweichen laſſen. Der Greis ſchüttelte langſam und bedächtig ſein Haupt. Nein, ſagte er. Das wollen wir nicht ver⸗ ſuchen, denn es wäre ein Betrug und würde uns keine Ehre bringen. Ich bin nicht ſo ſchwach, daß ich mir mein Brot nicht ſelber verdienen könnte, und für Karl Heinrich wär's eine Schande, wenn ich ihn los⸗ bettelte. Die Leute könnten denken, er ſei feig und habe nicht genug Courage um in den Krieg zu gehen.

Meinſt Du denn, daß es eine ſo große Schande iſt für einen Mann, wenn er keine Courage hat? fragte Anna Sophie mit einem ſeltſamen Ausdruck von Angſt und geſpannter Erwartung.

Ich mein's, ſagte der Greis ruhig. Das iſt ſo ſchlimm für den Mann, als es für die Frau iſt, wenn man ſagt ſie habe keine Tugend!

Anna Sophiens Antlitz nahm einen ſtrahlenden Ausdruck an; ſie hob die großen ſchwarzen Augen zum Himmel empor mit einem Blick voll Andacht und Dank. — Dann, ihrer tiefen inneren Bewegung nachgebend, warf ſie ihre beiden Arme um des Greiſes Hals und ihr Hanpt an ſeine Schulter gelehnt, weinte ſie bitterlich.

Der Greis ließ es ruhig geſchehen. Er drückte ſie zärtlich an ſich und flüſterte ihr zuweilen einige