Teil eines Werkes 
2. Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 1. Abtheilung : 3. Band (1857)
Entstehung
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und Recepten, welche ſie ihren Poſtillen entnommen, hatte es Anna Sopie zu verdanken, wenn man ſie im ganzen Dorf als eine Art Schutzengel pries, der die Bäume und die Gärten, wie das Vieh behütete, und von dieſen die ſchädlichen Inſecten, von jenem die Krankheiten zu entfernen verſtand. Aber nicht bloß den Gewächſen und dem Vieh war die Tochter des Schulmeiſters ein hülfreicher Engel, ſondern auch den Menſchen. Sie kannte Mittel gegen das Fieber und das Seitenſtechen, und aus den Kräutern, welche ſie ſich auf der Wieſe und im Walde ſuchte, wußte ſie blutſtillende heilende Salben, und ſtärkende Decocte zu bereiten, mit denen ſie den verwundeten und er⸗ krankten Dörflern in ihrer freudigen Dienſtbereitwillig⸗ keit ſtets Hülfe und Beiſtand gebracht. Auch ver⸗ ſtand Niemand ſo gut wie ſie, dem Kranken das Kiſſen zurechtzurücken, mit liebevollen Worten ſeinen verza⸗ genden Sinn aufzurichten und ihn zu tröſten. Wenn ein gefährlicher Kranker im Dorf war, wenn irgend eine Hausfrau durch Krankheit verhindert war für ihren Mann und ihre Kinder das Mittagseſſen zu be⸗ ſorgen, dann bot ſich Anna Sophie unaufgefordert zur Hülfe an, dann entſagte ſie der reichlich bezahlten Tage⸗ arbeit beim reichen Pachter, und ging in die Hütte der Kranken, um ſie zu pflegen, und ſtatt ihrer für Mann und Kinder zu ſorgen.

Das ganze Dorf ſegnete ſie daher und liebte ſie, und alle Burſche wetteiferten um den Vorzug ihrer Liebe. Aber lange ſchien es, als wenn Anna Sophie in ihrer ſcheuen und wilden Jungfräulichkeit ganz un⸗ empfänglich ſei für das zärtliche und leidenſchaftliche Gefühl der Liebe; mit entſetzten Blicken floh ſie vor Denen, welche um ihre Liebe warben, und gab den