Teil eines Werkes 
2. Folge, Friedrich der Große und seine Geschwister : historischer Roman : 1. Abtheilung : 3. Band (1857)
Entstehung
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Mal nach dieſer Laube um, ſie würde dann geſehen haben, daß ſie leer war, und ſie wollte ſich die ſüße Täuſchung bewahren, um den Tag über deſto friſcher und freudiger bei der Arbeit zu ſein, um es nicht als einen Schmerz empfinden zu müſſen, wenn ſie die Frau Pachterin im Kreiſe ihrer blühenden Töchter ſah, ſon⸗ dern ſich ſagen zu können:ich habe auch daheim meinen Vater und meine Mutter, und ſie erwarten mich. So kehrte ſie dann, wenn ihr Tagewerk vollbracht, mit beflügeltem Schritt heim zu ihrer Hütte, deren ödes Schweigen für ſie von hellen Liebesſtimmen der Erinnerung belebt war. Die Thür zu der einſti⸗ gen Schlafkammer ihrer Aeltern öffnend, rief ſie: Gute Nacht, mein Vater, Gute Nacht, meine Mutter! und dann ſtieg ſie hinauf in die kleine Dachkammer, wo ihr Vater immer ſo gern geweilt, und welches er, wenn Anna Sophie bei ihm war, immer ſein Fleck⸗ chen gerettetes Paradies genannt hatte. Dort ſtand der Tiſch, an welchem er immer geſchrieben, und an deſſen, an die Wand angelehnter Seite ſich das kleine Bücherpult erhob, das die koſtbarſten Schätze ihres Vaters, ſeine wenigen Bücher, enthielt. Aus dem klei⸗ nen Fenſter der Kammer konnte man den Rhein ſehen, wie er ſich grün und glänzend durch die Ebene dahin⸗ ſchlängelte, und zwiſchen den fernſtehenden Hügeln ſich verlor, und die fernen Gebirge mit ihrem violetten Duſt, und die Thurmſpitzen der Stadt Cleve. Von dort konnte man das Läuten der heimkehrenden Kuh⸗ heerde des Pachters vernehmen, und das ſanfte Tönen der Abendglocke, und das fröhliche Gepfeife der kleinen Buben, die von den Weidenruthen ſich ihre Pfeifen geſchnitzt, und den Geſang der Lerchen, die vom nahen Kornfeld emporſtiegen. Dort konnte man auch weit hinaus den Himmel ſehen, entweder überſäet mit flim⸗